Wieso psychische Erkrankungen alle angehen
Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden nicht nur unter ihren Symptomen, sondern auch unter Vorurteilen. Dabei geht uns das Thema alle etwas an. Wieso wir mehr AufklÀrung und Empathie brauchen.
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7Mind kostenlos startenvon Alexandra Gojowy
Depressive Störungen sind Volkskrankheit Nummer eins, und das nicht nur in Deutschland. Weltweit leiden circa 300 Millionen Menschen darunter, Tendenz steigend. Depressionen werden mittlerweile breit diskutiert, oft in Zusammenhang mit dem âBurnout-Syndromâ. Andere psychische Erkrankungen hingegen sind in der öffentlichen Debatte unterreprĂ€sentiert. Und in der Folge noch stĂ€rker mit Stigmatisierungen belastet.
Stigmatisierung psychisch Kranker
Panikattacken, Zwangsgedanken, Suchtverhalten â Angehörige und Freund:innen von Betroffenen wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn sie Anzeichen fĂŒr eine seelische Belastung bemerken. Denn diese Themen sind mit starken gesellschaftliche Stigmata belastet. Diese erschweren nicht nur die Kommunikation, sondern fĂŒhren bei den Betroffenen dazu, dass sie professionelle Hilfe erst sehr viel spĂ€ter in Anspruch nehmen.
Am Beispiel Burnout wird deutlich, wie schwierig es ist, mit den Symptomen einer psychischen Erkrankung zu leben. SchlieĂlich ist der Mensch ist kein Smartphone, das seinen Akku ĂŒber Nacht zu 100% aufladen kann. Auch haben wir kein zersprungenes Display, an dem jede:r sofort ablesen kann, dass etwas nicht stimmt. Stattdessen wird einfach davon ausgegangen, dass man funktioniert.
Umso wichtiger ist es, psychische Erkrankungen ins Bewusstsein der Ăffentlichkeit zu rĂŒcken und vor allem darĂŒber zu sprechen, wie Betroffenen am besten geholfen werden kann. Dazu gehören neben professioneller UnterstĂŒtzung auch Offenheit und Toleranz im Umfeld und der Gesellschaft als ganzer, um Ausgrenzung und Stigmatisierung zu verhindern.
Dieser Artikel soll einen Beitrag zur AufklĂ€rung leisten und das VerstĂ€ndnis fĂŒr âpsychische Andersartigkeitâ erhöhen.
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7Mind kostenlos startenWieso Stigmata bei psychischen Erkrankungen so schÀdlich sind
Die Ergebnisse einer Bevölkerungsumfrage zwischen 2001 und 2011 zeigen deutlich, dass psychiatrischen Diagnosen negative Stereotype anhaften. Menschen mit psychischer Diagnose werden oft anders wahrgenommen und mit unerwĂŒnschten Eigenschaften in Zusammenhang gebracht. Ein Label wie âpsychisch krankâ fĂŒhrt dazu, dass individuelle Personen plötzlich zu einer einzigen, irgendwie fremden Gruppe zusammengefasst werden. Was viele nicht bedenken:
Wenn betroffene Menschen aufgrund ihrer Erkrankung diskriminiert werden, verdoppelt sich ihr Leid.
Denn von da an kÀmpfen sie nicht nur mit ihren Symptomen, sondern auch mit der Ausgrenzung. Aus Angst vor dieser Ausgrenzung verdrÀngen viele ihre Symptome, trauen sich nicht, Hilfe zu suchen, oder isolieren sich.
Ausgegrenzt und alleingelassen
Ein Forschendenteam der UniversitĂ€ren Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) konnte belegen, dass die Bevölkerung psychisch Kranke fĂŒr gefĂ€hrlicher hĂ€lt als sie tatsĂ€chlich sind. Besonders AlkoholabhĂ€ngige haben der Studie zufolge unter starken Vorurteilen zu leiden. So wird Alkoholkranken eine besonders hohe Gewaltbereitschaft unterstellt, obwohl Verhaltensstudien dies nicht bestĂ€tigen können. Menschen, die unter Schizophrenie leiden, haben mit Ă€hnlichen Stigmata zu kĂ€mpfen. Das AktionsbĂŒndnis Seelische Gesundheit fand heraus, dass sie von der Gesellschaft hĂ€ufig als völlig unberechenbar eingestuft werden. Als die Mutter der Fotografin Kirsten Becken an Schizophrenie erkrankte, kam ihr die ernĂŒchternde Erkenntnis: âIn Deutschland findet sich mehr UnterstĂŒtzung fĂŒr Katzenbabys und FuĂballâ.
Viele kennen den Satz âDas ist ja schizophrenâ oder haben ihn umgangssprachlich schon benutzt. Ohne zu bedenken, wie verletzend Halbwissen und Vorurteile sein können. Es besteht also Handlungsbedarf, damit Betroffene sich nicht ausgegrenzt und alleingelassen fĂŒhlen. SensibilitĂ€t und AufklĂ€rung sind gefragt.
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7Mind kostenlos startenBurnout: Sind wir nicht alle ein bisschen ausgebrannt?
Ein Krankheitsbild, das in der öffentliche Debatte weitaus mehr Gehör findet, ist das Burnout-Syndrom. Dem Burnout liegt eine Erschöpfung zugrunde, mit der sich viele leichter identifizieren können, als beispielsweise mit dem GefĂŒhl, schizophren zu sein. Doch gerade deshalb fehlt der Debatte zuweilen die nötige Ernsthaftigkeit.
Stress und Erfolg gehören fĂŒr viele Menschen zusammen. Angetrieben durch die zunehmende Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft, machen schon SchĂŒler:innen wĂ€hrend ihrer Ferien Praktika und Studierende statt eines langen Urlaubs doch lieber ein Auslandssemester. In der Folge sind manche Berufseinsteiger:innen schon so erschöpft, wie einst ein:e 45-JĂ€hrige Arbeitnehmer:in mit eigener Familie.
Stress ist ein MassenphĂ€nomen, Burnout hingegen mehr als ein voller Terminplaner oder das GefĂŒhl, unter Zeitdruck zu stehen. Erschöpfung, GefĂŒhle von Distanziertheit und Wirkungslosigkeit, sowie Probleme im privaten Bereich können Anzeichen fĂŒr eine Burnout-Erkrankung sein. Betroffene fĂŒhlen sich nicht nur ĂŒberfordert, sondern auch ihrer VitalitĂ€t und LebensqualitĂ€t beraubt. Wenn dieser Prozess mit LeistungseinbrĂŒchen im Berufsleben einhergeht, wird die seelische Belastung zusĂ€tzlich erhöht. Ein Burnout sollte unbedingt ernst genommen und therapeutisch behandelt werden. Auch um abzuklĂ€ren, ob dem nicht eine Depression zugrunde liegt.
Therapie enttabuisieren
Die Entscheidung, sich in therapeutische Behandlung zu begeben, ist ein sehr mutiger Schritt, der noch zu selten als solcher anerkannt wird. Laut der Autorin und Medienwirtschafterin Mirijam Franke, haben viele Angst, dass ihre Erkrankung Jobchancen im Wege steht. In ihrem Text "Psychotherapie â Ein Stigma, das Karrieren ruiniert" setzt sie sich kritisch mit dem Thema auseinander. Der Weg zu therapeutischer Hilfe bleibt oft ein privates Geheimnis. Da sich mittlerweile immer mehr junge Menschen in Behandlung geben, wird es höchste Zeit, Therapie nicht mehr als Tabuthema zu behandeln.
Aber was kann man tun, wenn man merkt, dass jemand aus dem nĂ€heren Umfeld Hilfe benötigt? Wie kann man seine eigenen Vorurteile ĂŒberwinden und so auch etwas fĂŒr sich selbst tun? Die Antwort lautet: Empathie.
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7Mind kostenlos startenEmpathie: Erste Hilfe gegen Vorurteile
Empathie, also die FĂ€higkeit, sich in andere Menschen einzufĂŒhlen, kann man erlernen. In Kontakt zu treten, auch wenn es einem zunĂ€chst fremd erscheint, ist ein wichtiger erster Schritt, um Raum fĂŒr neue Erfahrungen zu schaffen. Forschende der UniversitĂ€t ZĂŒrich konnten zeigen, dass ĂŒberraschend positive Erlebnisse mit Fremden einen Lerneffekt im Gehirn auslösen, der dazu fĂŒhrt, dass sich unsere Empathie insgesamt erhöht. Mehr zu dem Thema kannst du hier nachlesen. Studien zum Thema Achtsamkeit konnten auĂerdem zeigen, dass sich Meditation besonders gut dafĂŒr eignet, die eigene Empathie zu stĂ€rken und mehr MitgefĂŒhl zu entwickeln. So kann man psychischer Andersartigkeit offener begegnen und Menschen vielleicht sogar dazu ermutigen, sich zu öffnen.
Ich-Botschaften senden
Halt, Zuwendung und Empathie sind Grundvoraussetzungen, damit sich Menschen mit psychischen Störungen öffnen können. Vermutet man, dass jemand im nahen Umfeld â etwa unter Freund:innen, Familienmitgliedern oder Kolleg:innen â betroffen ist, sollte man auf jeden Fall behutsam darauf reagieren. Das bedeutet auch, dieser Person nicht gleich das Bierglas aus der Hand zu reiĂen, wenn man eine Alkoholsucht vermutet. Vielmehr geht es darum, ein Problembewusstsein zu schaffen und vorsichtige âIch-Botschaftenâ zu senden. âIch habe das GefĂŒhl, dassâŠâ, âIch mache mir Sorgen, weilâŠâ sind nur zwei Beispiele. SĂ€tze wie âDas wird schon wiederâ oder âLach doch malâ sind leider selten hilfreich und fördern eher toxische PositivitĂ€t. Besser du informierst dich erst einmal zu verschiedenen Krankheitsbildern, zum Beispiel hier.
Wieso psychische Erkrankungen uns alle betrifft
Beim kritischen Blick auf die Frage, wie psychische Erkrankungen in der Gesellschaft wahrgenommen werden, wird deutlich, wie viel AufklĂ€rungsarbeit noch geleistet werden muss. Auch wenn die Offenheit gegenĂŒber diesen Themen steigt, verschwinden existierende Vorurteile nur langsam. Doch mit mehr Achtsamkeit fĂŒr sich selbst und andere, fĂŒr Barrieren und BedĂŒrfnisse, kann jede:r von uns dazu beitragen, Stigmata abzubauen und Betroffenen zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen. Denn jede:r von uns kann einmal in eine Situation kommen, in der Hilfe gefragt ist â ob persönlich oder im nĂ€chsten Umfeld.
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7Mind kostenlos startenAchtsamkeitsimpuls
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