Car­lotta Koroll

Sucht im Alltag

Sucht, mitt­ler­weile Abhän­gig­keit genannt, ist ein großes, ziem­lich abschre­cken­des Wort. Und doch kommen so viele Men­schen, wahr­schein­lich mehr als wir denken, damit in Berüh­rung. Sei es, weil ein Bekann­ter, ein Fami­li­en­mit­glied oder du selbst unter einer Abhän­gig­keit leidet. Bei dem Thema Abhän­gig­keit denken wir schnell an harte Drogen, doch auch kleine, schein­bar all­täg­li­che Dinge können uns in die Mangel nehmen: Das Smart­pho­ne­dis­play, Online-Shop­ping oder Fast Food sind nur einige bekannte Bei­spiele mit exzel­len­ten Ver­füh­rungs­küns­ten.

Dabei ist es gar nicht leicht zu erken­nen, ab wann unser Ver­hal­ten pro­ble­ma­tisch wird. Wann ist es nur etwas, was mir Freude berei­tet und Teil meines Lebens ist und wann glaube ich, nicht mehr ohne leben zu können? In diesem Arti­kel führen wir dich durch ein paar dieser All­tags­süchte“, um genau das her­aus­zu­fin­den. Ein paar Lösungs­vor­schläge gibt es natür­lich auch mit an die Hand.

Ab wann bin ich süch­tig?

Der Ursprung des Wortes Sucht“ geht auf Sie­chen“ zurück — das Leiden an einer Krank­heit. Erken­nen können wir das noch an Begrif­fen wie Gelb­sucht oder Schwind­sucht. In unse­rem täg­li­chen Sprach­ge­brauch jedoch beschreibt Sucht die Abhän­gig­keit von Sub­stan­zen oder auch ein gene­rell schwer kon­trol­lier­ba­res Anzie­hungs­ge­fühl hin zu Gegen­stän­den oder Ver­hal­tens­wei­sen. Mitt­ler­weile wurde der Begriff übri­gens von der WHO (World Health Orga­ni­sa­tion) durch Abhän­gig­keit ersetzt, da Sucht“ zu nega­tiv besetzt sei und die Aus­gren­zung von Betrof­fe­nen unter­stütze.

Ab wann ist man denn nun aber offi­zi­ell süch­tig? Nach ICD-10, also der inter­na­tio­na­len sta­tis­ti­schen Klas­si­fi­ka­tion der Krank­hei­ten und ver­wand­ter Gesund­heits­pro­bleme“ gibt es sechs Kri­te­rien, von denen drei oder mehr zur glei­chen Zeit vor­han­den sein müssen, um von Abhän­gig­keit zu spre­chen: Ein star­kes Ver­lan­gen nach der Sub­stanz, Kon­troll­ver­lust von Menge, Beginn und Been­di­gung des Kon­sums, Ent­zugs­sym­ptome, die Ent­wick­lung einer Tole­ranz gegen­über der Sub­stanz, Ver­nach­läs­si­gung ande­rer Inter­es­sen oder Lebens­be­rei­che und zuletzt Konsum trotz schäd­li­cher Folgen.

Soll­test du ver­mu­ten, dass eines der Krank­heits­bil­der auf dich zutref­fen könnte, suche bitte einen The­ra­peu­ten auf. Wir möch­ten ledig­lich infor­mie­ren und auf­klä­ren, können aber keine The­ra­pie erset­zen. Hier haben wir ein paar Res­sour­cen und Ver­weise für dich, soll­test du dich mehr mit dem Thema aus­ein­an­der­set­zen wollen.

Abhän­gig­keit – Was pas­siert im Kopf?

Nehmen wir eine Sub­stanz zu uns, von der wir abhän­gig sind, werden ver­schie­dene Boten­stoffe (vor allem Dopa­min im Gehirn akti­viert). Diese führen im lim­bi­schen System zu einer erhöh­ten Aus­schüt­tung und wir spüren einen Beloh­nungs­ef­fekt. So kommen wir in gute Stim­mung und Ent­zugs­er­schei­nun­gen werden gelin­dert. Es kann auch pas­sie­ren, dass wir neu­trale Reize mit der Sub­stanz asso­zi­ie­ren und so unbe­wusst ein Ver­lan­gen her­vor­ge­ru­fen wird: Ein Pro­zess der Kon­di­tio­nie­rung findet statt. Das kann man aber nicht nur auf Drogen bezie­hen, auch unge­sunde Ver­hal­tens­mus­ter ver­lau­fen ähn­lich.

All­tags­süchte: Unschein­bare Gefah­ren?

Kleine, unschein­bare Abhän­gig­kei­ten finden sich bei vielen von uns im Alltag wieder. Ob der auto­ma­ti­sche Griff in die Chip­stüte, die fünfte Tasse Kaffee oder der Fern­se­her, den man ein­fach nicht aus­schal­ten kann. Diese Abhän­gig­kei­ten sind unauf­fäl­li­ger, weil sie von der Gesell­schaft als normal emp­fun­den werden und auf den ersten Blick keine erns­ten Risi­ken mit sich brin­gen. Trotz­dem können sie auf Dauer zu einer gerin­ge­ren Lebens­qua­li­tät führen: Zum Bei­spiel durch star­kes Über­ge­wicht, Schlaf­man­gel oder das Ver­nach­läs­si­gen von sozia­len Bezie­hun­gen.

Wagen wir des­we­gen einmal einen genaue­ren Blick auf ein paar dieser All­tags­süchte“: Was macht sie aus, woraus ent­sprin­gen sie und wie finden wir einen gemä­ßig­ten Umgang damit?

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Ess­sucht

Noch ein Griff in die Chip­stüte, bei jedem Ein­kauf einen Scho­ko­rie­gel mit aufs Kas­sen­band legen oder die Por­tion Nach­schlag, obwohl man schon satt ist. Essen kann so lecker sein – klar, dass es für die meis­ten Men­schen nicht nur um Ener­gie­zu­fuhr geht, son­dern auch um Genuss. Aber ab wann wird Essen zum Pro­blem?

Als Ansatz können wir uns an den ICD-10 Kri­te­rien ori­en­tie­ren. Kriege ich den Wunsch nach Essen nicht mehr aus meinem Kopf? Ver­liere ich beim Essen meine Kon­trolle? Höre ich oft nicht auf, auch wenn ich schon Bauch­schmer­zen habe? Oder belaste ich dadurch meine sozia­len Bezie­hun­gen – z.B. durch heim­li­ches Essen? Eine Abhän­gig­keit kann uns nicht nur psy­chisch belas­ten, sie gefähr­det auch unsere phy­si­sche Gesund­heit.

Ein Kata­ly­sa­tor für soge­nann­tes emo­tio­na­les Essen ist Stress. Denn sind wir gestresst, steigt der Ener­gie­ver­brauch unse­res Gehirns rasant an. Unser Stress­sys­tem wird mobi­li­siert und wir brau­chen mehr Zucker. Schon mal vom Begriff hangry“ – also schlechte Laune durch Hunger – gehört? Genau das pas­siert in diesem Zustand. Am schnells­ten kommen wir mit einem Kalo­ri­en­kick dort raus und den krie­gen wir am besten von unse­ren Zucker- und Fett­freun­den: Scho­ko­lade, Fast Food, und Co. Kommt das öfter vor, trai­nie­ren wir uns eine auto­ma­ti­sche Reak­tion auf nega­tive Gefühle und Stress an: Essen. Und das am besten fettig oder süß.

Es gibt effek­tive Grup­pen­the­ra­pien und Psy­cho­the­ra­pie kann natür­lich auch helfen. Stu­dien bewei­sen außer­dem, dass Acht­sam­keit bei Ess-Gelüs­ten hilft: Dabei lernst du, dass es normal ist, Gelüste auf bestimm­tes Essen zu haben und erkennst, dass sie auch wieder vorbei gehen, ohne dass du der Gier nach­gibst. Durch acht­sa­mes Essen zum Bei­spiel übst du, jeden Bissen zu genie­ßen, auf deinen Körper zu hören und wenn das Ver­lan­gen auf­kommt, es aus mehr Dis­tanz zu betrach­ten.

Arbeits­sucht

Die wahr­schein­lich meist-ver­herr­lichste Abhän­gig­keit ist die nach der Arbeit. Auch wenn es in unse­rer Gesell­schaft hoch ange­se­hen wird, flei­ßig zu sein und hart für seine Ziele zu arbei­ten, kann Arbeits­sucht ver­hee­rende Folgen haben. Einer­seits für dich, in Form von Erschöp­fung, Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che und im schlimms­ten Fall sogar Bur­nout. Manch­mal merken Betrof­fene aber auch erst gar nichts von diesen Sym­pto­men, denn das Adre­na­lin pusht sie immer weiter und irgend­wie lieben sie ihre Arbeit ja auch. Dann merken vor allem nahe­ste­hende Men­schen und auch die Gesell­schaft wie sich die Abhän­gig­keit aus­wirkt. Fami­lie und Freunde bekom­men dich kaum noch zu Gesicht und durch die häufig auf­tre­tende Dele­ga­ti­ons­un­fä­hig­keit kann man der Qua­li­tät der Arbeit und schluss­end­lich dem Arbeit­ge­be­rIn scha­den.

Aber ab wann spricht man denn im Arbeits­kon­text von einer Abhän­gig­keit? Haupt­merk­male eines Arbeits­süch­ti­gen sind ein aus­ge­präg­tes Kon­troll­be­dürf­nis, Per­fek­tio­nis­mus, die Unfä­hig­keit zu ent­span­nen und eine starke Ver­knüp­fung von der geleis­te­ten Arbeit und der eige­nen Iden­ti­tät. Klingt das ver­traut? Der Grad der Zwang­haf­tig­keit wird hier im Gegen­satz zu ande­ren Abhän­gig­kei­ten viel mehr von der Ein­stel­lung zur Arbeit beein­flusst, als von der Inten­si­tät des Miss­brauchs. So gene­rell kann man das aber auch gar nicht sagen, denn Arbeits­ab­hän­gig­keit kann viele ver­schie­dene Masken haben.

In der The­ra­pie nutzt man dabei nicht den Ansatz der tota­len Absti­nenz, son­dern pro­biert von Beginn an ein gesun­des Ver­hält­nis zwi­schen Arbeit und Frei­zeit zu finden. Eine Mög­lich­keit zur Bes­se­rung ist, sich einen detail­lier­ten Zeit­plan für den Tages­ab­lauf zu erstel­len, am besten mit objek­ti­ver Hilfe. Dabei soll­ten ins­be­son­dere die Pausen und Frei­zeit genau auf­ge­führt sein, um sicher­zu­stel­len, dass davon genug vor­han­den ist.

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Han­dy­sucht

Wie oft am Tag greifst du zum Smart­phone? Liegst du im Durch­schnitt, soll­ten es um die 80 Mal sein. Dafür wird alle 18 Minu­ten eine andere Tätig­keit unter­bro­chen. Klingt schon recht zwang­haft, oder?

Auch wenn die Abhän­gig­keit nach dem Smart­phone laut WHO noch keine psych­ia­tri­sche Dia­gnose ist, wurde nach­ge­wie­sen, dass das Handy sucht­ähn­li­ches Ver­hal­ten för­dert. Wie genau sieht das aus? Ein Sym­ptom ist wieder der Kon­troll­ver­lust über den Konsum. Du schaffst es ein­fach nicht, weni­ger vorm Dis­play zu kleben oder das Handy gar kom­plett weg­zu­le­gen. Wir ver­nach­läs­si­gen unsere Hobbys oder Freund­schaf­ten und wird das Smart­phone mal ver­ges­sen, werden wir aggres­siv oder schlecht gelaunt – das sind Ent­zugs­er­schei­nun­gen.

Als Fol­ge­er­schei­nun­gen min­dern Smart­pho­nes nach­ge­wie­sen unsere Kon­zen­tra­tion und eine Abhän­gig­keit kann zu einer psy­chi­schen Erkran­kung bei­tra­gen. Manch­mal gau­kelt uns das Handy vor, wir seien sozial. Dann ziehen wir uns aus echten“ sozia­len Bezie­hun­gen zurück, was uns lang­fris­tig einsam machen kann.

Einmal drin ist es nicht so leicht, unsere Gewohn­hei­ten zu ändern. Aber gerade beim Smart­phone gibt es ein paar simple Tricks, die uns in unse­rer Benut­zung ein­schrän­ken. Pro­bier doch mal:

Außer­dem fanden For­scher in einer Studie heraus, dass gerade Acht­sam­keit bei über­mä­ßi­gem Inter­net­kon­sum helfen kann. Sogar schon 10-minü­ti­ges Acht­sam­keits­trai­ning über einen Zeit­raum von zwei Wochen zeigte posi­tive Effekte.

Sollte das alles nicht für dich funk­tio­nie­ren, kannst du natür­lich auch hier­für wieder pro­fes­sio­nelle Hilfe bean­spru­chen.

Kauf­sucht

Inter­es­sant bei der Kauf­sucht ist, dass hier nicht das Pro­dukt ent­schei­dend ist, son­dern der Kauf­akt. Denn dieser löst kurz­fris­tig Glücks­ge­fühle aus. Es ist auch nicht unty­pisch, dass unnütze Dinge oder eine irra­tio­nal hohe Anzahl gekauft wird. Nach dem Kauf folgt aller­dings meist eine Phase der Depres­sion, Anspan­nung oder Scham.

Man könnte denken, dass der Kauf­drang eine Erschei­nung unse­rer moder­nen Gesell­schaft sei. Tat­säch­lich tauchte der Begriff aber schon vor gut 100 Jahren auf. Nach aktu­el­len Schät­zun­gen geht man von 5 – 8% Betrof­fe­nen in Deutsch­land aus und zwar in allen Ein­kom­mens­schich­ten.

Der Drang nach dem Kaufen ent­springt häufig Stress­si­tua­tio­nen oder auch trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen. Die Behand­lung erfolgt in der Psy­cho­the­ra­pie, wobei sich die kogni­tiv-beha­vo­riale Grup­pen­the­ra­pie bis jetzt am besten bewährt hat. Möch­test du ein­fach so mal ein Auge auf deinen Konsum werfen, lohnt sich auch ein Kauf­pro­to­koll. Hier schreibst du immer Datum und Zeit deiner Käufe auf, sowie deine Gedan­ken und Gefühle dabei. Ergän­zen kannst du auch, wie lange du mit dem Kauf beschäf­tigt warst und wie viel Zeit das Planen und Nach­den­ken im Vor­hin­ein in Anspruch nahm.

Abhän­gig­keit ist ein sehr brei­tes und sen­si­bles Thema und sollte mit einer ange­mes­se­nen The­ra­pie beglei­tet werden. Soll­test du deinen Umgang mit Sucht­mit­teln ein­fach etwas bewuss­ter gestal­ten wollen, kann Acht­sam­keit dich dabei unter­stüt­zen. Fällt dir das alleine schwer, kannst du dir natür­lich auch dazu pro­fes­sio­nelle Unter­stüt­zung suchen.

Hier fin­dest du noch wei­tere Res­sour­cen und Anlauf­stel­len:

Hilfe und Bera­tung von Keine Macht den Drogen

Sucht­be­ra­tung finden in deiner Nähe

Bera­tung und Hilfe vom Deut­schen Roten Kreuz


Die Pod­cast­folge zum Impuls der Woche:


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