Eine Reihe von Daniela Obers

Wir möch­ten euch in unse­rer neuen Reihe einige der vielen Helden des All­tags in der Corona-Krise vor­stel­len. Wel­chen Her­aus­for­de­run­gen stel­len sie sich gerade tag­täg­lich und welche Lösun­gen haben sie in der neuen Nor­ma­li­tät für sich gefun­den? Viel­leicht können wir ja noch etwas von­ein­an­der lernen. Oder uns auch ein­fach nur ein­an­der näher fühlen.

Die neue Nor­ma­li­tät für Simon als Selbst­stän­di­ger

Heute möch­ten wir euch Simon Müller vor­stel­len. 30 Jahre alt und Mit­grün­der der Spi­ri­tuo­sen-Manu­fak­tur Kult­fluss.

Was ist aktu­ell deine größte Her­aus­for­de­rung und was lernst du aus ihr?

Meine aktu­ell größte Her­aus­for­de­rung ist, mir gezielt meine Moti­va­tion für meine Firma zu finden und zu holen. Wir sind kom­plett unab­hän­gig und zahlen uns noch kein Gehalt aus. Da nun unsere Kund­schaft in Form von Bars und Clubs gerade voll­kom­men weg­ge­bro­chen ist, drückt es mir auf meine Moti­va­tion, wieder etwas neues für unsere Firma in meiner unbe­zahl­ten Frei­zeit“ auf­zu­bauen.

Gleich­zei­tig lerne ich in dieser Situa­tion daraus, zu mir zu finden. Ich kann auch gar nicht wieder zu mir“ sagen, da ich gefühlt noch nie so sehr bei mir war wie jetzt. Der Druck, sozial und unter­wegs zu sein, ist weg­ge­fal­len und ich kann mich ohne äuße­ren Druck und Schuld­ge­fühle auf mich kon­zen­trie­ren. Das ist auf­re­gend, da ich somit erkannt habe, dass ich in vielen Berei­chen intro­ver­tier­ter bin, als ich dachte. Oft habe ich mich in den Berei­chen mit extro­ver­tier­ten Men­schen ver­gli­chen und nicht gemerkt, wieso mir das so viel Anstren­gung kostet und mir so wenig Freude als Aus­gleich gibt. In der Iso­la­tion fehlt das Ver­glei­chen und das befreit mich.

Wel­ches Buch, wel­cher Pod­cast, welche Serie oder wel­cher Song hat dich durch die Krise bisher beglei­tet?

Wenn ich es ver­misse, Men­schen zu hören, dann hör ich mir super gern fol­gende Pod­casts an:
This Ame­ri­can Life“ vom Chi­cago Public Radio. Ein Format, in dem Geschich­ten von Men­schen, die in den USA leben, erzählt werden. Stets mit vielen Wen­dun­gen und Erk­ent­nis­sen. Ich nehme jedes mal etwas Neues dabei mit, da es aus­führ­lich recher­chiert ist und oft viele Ori­gi­nal-Prot­ago­nis­ten als Inter­view­part­ner dabei sind. Mir gefällt, dass es mir eine ganz andere Seite der US-Ame­ri­ka­ner zeigt und all­täg­li­che“ Pro­bleme beleuch­tet.
Und Hidden Brain“ vom Natio­nal Public Radio (NPR). Gemein­sam mit Wissenschaftler*innen werden Phä­no­mene unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft dif­fe­ren­ziert auf­ge­zeigt. Bei­spiels­weise das Phä­no­men von Lügen oder was es mit der Welt von Sex-Robo­tern auf sich hat.


Acht­sam durch die Krise mit Medi­ta­tion:
7Mind kos­ten­los star­ten

Wie hältst du trotz social dis­tan­cing Kon­takt? Und wie fühlt sich das für dich an?

Ich schreibe sehr viel über Telegram/​Whats­App und treffe mich jede Woche mit jeman­dem zum gemein­sa­men Spa­zie­ren­ge­hen. Ich führe inzwi­schen auch jede Woche einmal ein Tele­fo­nat mit einem Freund bzw. einer Freun­din — das habe ich davor fast nie gemacht.

Es fühlt sich sehr komisch an, nie­man­den mehr umar­men zu dürfen. Auch, dass ich gerade keinen daten kann, finde ich schwie­rig. Über Tele­fo­nate, Spa­zier­gänge und Chats fühle ich mich aber meinen Freund*innen noch sehr nahe.

Was glaubst du, brau­chen wir gerade mehr: Gelas­sen­heit, Dis­zi­plin, Dank­bar­keit oder Frei­heit? Oder brauchst du etwas ande­res?

Vor allem Gelas­sen­heit. Ich mache mir sehr schnell zu viele Gedan­ken. Und diese Krise bringt mir bei, etwas gelas­se­ner zu sein und die Dinge von einer etwas fer­ne­ren Per­spek­tive aus zu sehen. Als Einzelne*r können wir die Krise nicht ändern, daher bringt es nichts, sich dar­über auf­zu­re­gen. Die Situa­tion aber zu akzep­tie­ren, das können wir.

Was bedeu­tet Acht­sam­keit für dich per­sön­lich und wie prak­ti­zierst du?

Acht­sam­keit bedeu­tet für mich im Moment zu sein, ohne Fragen zu stel­len. Ein­fach das zu akzep­tie­ren, was ist. Keine Inter­pre­ta­tio­nen, keine Ängste, ein­fach nur sein. Vor wich­ti­gen Mee­tings medi­tiere ich gerne in 1 – 3 Minu­ten in Stille und sammle mich so. Meis­tens merke ich dann, wie auf­ge­bracht ich bin und ich komme dann stets gelas­se­ner ins Mee­ting rein.
Außer­halb meiner Arbei­ten medi­tiere ich aber selten, dafür lenke ich mich dann zu gern ab.

Wenn du eine Bot­schaft durch das Mega­fon rufen könn­test, was wür­dest du gerade in die Welt schreien wollen?

Du musst nie­man­dem gefal­len!

Was wünschst du dir, was die Welt aus der Krise mit­nimmt?

Mehr Abstand zur Fan­ta­sie des ewigen Wachs­tums und der ewigen Ver­bes­se­rung. Mehr Nähe zu den eige­nen Bedürf­nis­sen im jet­zi­gen Moment.


Und nun zu dir: Wie wür­dest du die Fragen beant­wor­ten? Nutze sie gerne als Inspi­ra­tion für die eigene Refle­xion oder stelle sie dir gemein­sam mit einem nahe­ste­hen­den Men­schen. So kannst auch du mehr Ver­bun­den­heit in der Krise auf­bauen.
Nächste Woche kommt ein wei­te­res Inter­view, mit neuen Blick­win­keln und Gedan­ken. Vielen Dank Simon für deine Ein­sich­ten!

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Bild: Bára Buri auf Uns­plash