Dankbarkeit: Danke für alles und nichts!

Ist Dankbarkeit wirklich ein Heilmittel oder nur Mittel zum Zweck? Philosophie, Psychologie und Religion – so unterschiedlich wird der Dankbarkeitsbegriff ausgelegt.

Alexandra Gojowy

Müssen wir uns immer in Dankbarkeit üben?

Heutzutage sollen wir für alles dankbar sein. Dafür, dass wir "konstruktives" Feedback bekommen, sauberes Wasser trinken und nette Kolleginnen haben. Am Abend schreiben wir voll innerer Glückseligkeit drei gute Dinge in unser Journal und freuen uns darüber, dass uns jemand im Vorbeigehen angelächelt hat. Der Grund, warum wir Dankbarkeit praktizieren und nicht einfach fühlen ist, dass wir Dankbarkeit mit einem positiven, wertschätzenden Erleben gleichsetzen. Und das kann man nur bedingt herbeizaubern.

Floskeln wie "Aus Fehlern lernt man" oder "Scheitern ist Teil des Erfolgs" bringen uns bei, in jeder noch so prekären Situation das Gute zu sehen, dankbar zu sein. Aber wie nachhaltig ist dieser Effekt? Und was bedeutet es eigentlich, sich selbst zu danken? Viele kluge Köpfe haben sich darüber bereits Gedanken gemacht – Göttin sei dank!

Dankbarkeit: Eine philosophische Definition

Wikipedia sagt, Dankbarkeit sei "ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird."

Schon in der Kindheit wird uns dieses Konzept beigebracht. Bekommen wir als Halbwüchsige ungefragt ein Geschenk in die Hand gedrückt, mahnen im Hintergrund schon die Eltern "Naaa, was sagt man da zu Tante Hanne?" Es folgt ein genuscheltes Dankeschön, das langsam aber sicher zu einer konditionierte Antwort auf Nettigkeiten wird – unabhängig davon, ob das Geschenk von Tante Hanne Freude wirklich macht. Aber ist das wirklich Dankbarkeit?

Hier hilft uns die Philosophie. In der Philosophie wird Dankbarkeit als ein moralischer Begriff gehandelt, der generell schwer zu definieren sei. Schließlich sei Dankbarkeit ein individuelles Gefühl, das aus unterschiedlichsten Gründen ausgelöst werde. In einer Forschungsarbeit zum Dankbarkeitsbegriff, erschienen in der Zeitschrift für Ethik und Moralphilosophie, kommt Dankbarkeit u.a. als "emotionale Tugend" vor. Eine Tugend kann als gute Eigenschaft verstanden werden. Wer sich dankbar zeigt, ist also um einen positiven Charakterzug reicher. Interessanter Weise hängt die Dankbarkeit mit einem Empfänger zusammen, dem die Dankbarkeit gebührt und der sie anerkennt. Das bestätigt auch der deutsche Philosoph Balduin Schwarz. Er spricht von "einer Zuwendung des anderen, über die ich mich selbst bejahe, vielleicht auch bestätige. Dies lässt mich einerseits als Teil der Gesellschaft verstehen und andererseits auch als respektiertes Individuum, das in der gesellschaftlichen Ordnung seinen Platz hat." Wenn die Tante etwas schenkt, fühlen wir uns also selbst bestätigt und sichern uns mit einem "Dankeschön" die Gunst der Familie und damit auch unseren Platz.

Ganz schön eigennützig, oder? Mal schauen, was die Psychologie dazu sagt.

Das sagt die Psychologie über Dankbarkeit

Die Psychologie widmet sich eher den Effekten von Dankbarkeit auf das körperliche und geistige Wohlbefinden. Außerdem spricht sie Dankbarkeit die Fähigkeit zu, menschliche Beziehungen zu verbessern – nicht zuletzt dadurch, dass sie eng mit Bindung, Belohnung, Empathie und Moral verknüpft ist. Tante Hanne weiß das natürlich.

In der Psychologie geht es weniger darum, wie ein Mensch den Begriff für sich definiert, sondern welche positiven Effekte sich für den Einzelnen ergeben. Die positive Psychologie geht so weit, dass sie sagt, es sei egal, an wen sich der Dank richtet. Ob sie einem Menschen, dem Leben oder "Gott" gebührt – dankbare Menschen seien insgesamt glücklicher und optimistischer.

Genau hier versteckt sich eine kleine Falltür. Oder auch eine Chance! Wer Dankbarkeit nur in den schönen Dingen des Lebens sucht, muss sich am Ende des Tages tatsächlich mit dem Lächeln eines Fremden zufrieden geben. Daran ist natürlich auch nichts verkehrt. Es geht uns nur darum, ein erweitertes Verständnis für den Dankbarkeitsbegriff zu ermöglichen. Dankbar können wir nämlich auch sein, wenn wir vor einer schwierigen Situation stehen – Huch, was darf hier plötzlich gelernt werden? Dankbarkeit können wir in solchen Momenten nicht vortäuschen, uns aber immer wieder daran erinnern, dass unser Wohlbefinden nicht (nur) davon abhängen sollte, dass wir etwas Schönes erleben oder bekommen.

Und manchmal überkommt es uns einfach. Ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Welt oder einfach dem Leben selbst. Diese Form der Dankbarkeit wird als "transzendenter Dank" verstanden, denn sie führe uns direkt zu Gott.

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Dankbarkeit für Gott und die Welt

Als transzendenter Dank gilt der "Lebensdank" oder auch der Dank dafür, einfach da zu sein. So stellt sich auch der Theologe Tadeusz Styczen die Frage, wem wir denn eigentlich danken, wenn wir dankbar für das Leben, für uns selbst oder unser Dasein sind?

Natürlich glaubt nicht jeder, der dem Leben, dem Schicksal oder auch mal dem "Zufall" dankt, an Gott. Trotzdem wird Dankbarkeit in diesem Moment an eine unsichtbare, zum Teil höhere Macht gerichtet. Als christliche Tugend findet Dankbarkeit auch in der Bibel Erwähnung:

"Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch." (1 Thessalonicher 5:16-18). Auch Martin Luther nannte Dankbarkeit eine "wesentliche christliche Haltung". Dabei soll sich Dank in der christliche Tradition nicht nur auf andere Menschen, Dinge oder die Arbeit beziehen, sondern auch auf die allumfassende Güte Gottes.

Unser kleiner Exkurs zeigt, dass Dankbarkeit auf unterschiedliche Weise erfahren und verstanden werden kann. Sie kann dabei helfen, dass unser Kopf ein freundlicherer Ort wird. Unter bestimmen Vorraussetzungen ist dieser innere Perspektivwechsel sicherlich heilsam. Trotzdem empfehlen wir, auch bei diesem Thema achtsam zu sein. So finden wir heraus, wann die Dankbarkeitspraxis unseren Blick verklärt, wann wir uns durch drei kleine Highlights fröhlich stimmen, um nicht zu spüren, was uns am Ende eines Tages vielleicht nachdenklich oder traurig stimmt. Nicht jeder Fehler ist sofort eine Chance oder eine großartige Lernerfahrung. Manchmal haben wir es einfach verbockt. Lasst uns Dankbarkeit also nicht "trainieren" oder benutzen sondern einfach genießen, wenn sie manchmal einfach in uns da ist. Und dann auch wieder gehen darf.

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