Ja? Nein? Jein! Warum es so schwer fällt, uns zu entscheiden

Die Wahl zu haben, ist ein Privileg. Nichtsdestotrotz machen Wahlmöglichkeiten uns das Leben nicht immer leichter. Warum fallen uns manche Entscheidungen so schwer?

Daniela Obers

Carpe diem, denn die Welt liegt dir zu Füßen.

Blicken wir auf die Entwicklung der letzten Generationen zurück, so lässt sich für die meisten Bereiche feststellen: Unser Freiheitsgrad und die Optionen haben sich erhöht. Wir haben ein sehr viel größeres Spektrum an Wahlmöglichkeiten. Waren unsere Großeltern zu manchen Zeiten froh, Grundnahrungsmittel anbauen, kaufen oder tauschen zu können, so führt ein durchschnittlicher deutscher Supermarkt heute in etwa 12.000 Artikel. Zwar heißt das, wir dürfen uns entscheiden, müssen es jedoch auch. Tübinger Forschende nennen das das “Marmeladen-Paradoxon”: In einem Experiment wurden in einem Supermarkt ein Tisch mit 24 Marmeladensorten und einer mit sechs Sorten aufgebaut. Die Forschenden stellten fest, dass Konsumenten vermehrt bei dem Tisch mit 24 Marmeladensorten stehen blieben. Denn die große Auswahl lockt uns. “Tatsächlich interessieren sich mehr Leute für eine große Auswahl. Das heißt, bei 24 Marmeladen bleiben viel mehr Leute stehen als bei sechs. Aber wenn man mal schaut, wie viele Leute dann eine Marmelade konsumieren, dann war das tatsächlich so, dass acht Mal mehr Leute von der kleinen Auswahl konsumiert haben, obwohl initial viel weniger Konsumenten überhaupt stehen geblieben sind.” So Axel Lindner vom Uniklinikum Tübingen.

Zu viele Optionen machen uns unzufrieden

Die große Auswahl zieht uns also an, fördert jedoch nicht den Entscheidungsprozess. Ganz im Gegenteil: Zu viel Auswahl überfordert uns und löst Stress aus.

Was verleitet uns denn dann bei einer kleinen Auswahl zu einer Entscheidung? Auch das schauten sich die Forschenden genauer an. Bei einer Entscheidung stellt unser Gehirn eine Kosten-Nutzen Rechnung auf. Das Ergebnis macht uns entweder zufrieden oder aber unzufrieden. All die Optionen gegeneinander abzuwägen, ist dabei der Kostenfaktor. Die letztendliche Entscheidung ist der Nutzen. Steigt die Zahl an Möglichkeiten, so wird die Abwägung zeitintensiver und die Kosten höher als der Nutzen. Das Ergebnis: Wir sind unzufrieden. "Mit jeder Option mehr steigt natürlich das Risiko, sich falsch zu entscheiden – zumindest empfinden wir das so. Und das ist eine riesige Anstrengung.”, sagt Axel Lindner vom Uniklinikum Tübingen.

Geht es bei diesen Entscheidungen nur um den Wocheneinkauf, so ist das noch zu verschmerzen. Laut Psychologe Ernst Pöppel treffen wir 20.000 Entscheidungen pro Tag. Ja, da sind die vielen kleinen Entscheidungen im Alltags dabei, die wir mitunter gar nicht bewusst wahrnehmen. Es sind jedoch auch die größeren, bewussten Entscheidungen. Unsere komplexe, vernetzte und schnelle Welt bietet uns in schier allen Bereichen eine große Zahl an Optionen. Ist das Freiheit? Ja. Aber auch ein Stressauslöser. Nicht nur die Option an sich kann Stress in uns auslösen. Durch die zunehmende Komplexität unserer heutigen Welt sind auch die Konsequenzen einer Entscheidung viel schwerer vorab abzuschätzen. Der Psychologe Dan Ariely und Jiwoong Shin beschäftigten sich in einem Experiment mit einer Gruppe von Studierenden. Diese gehören einer Generation an, der man Unverbindlichkeit und ein sich-nicht-entscheiden-wollen nachsagt. Sie fanden heraus, dass die Studierenden sich nicht einfach möglichst viele Optionen offen halten wollen. Nein, sie haben vielmehr Verlustängste, wenn sie sich von einer Option verabschieden. Denn wer weiß denn heutzutage schon noch, wie dies und das in all der Komplexität der Welt ausgegangen wäre? Studienfach, Dating, Freizeitgestaltung – keine Möglichkeit loslassen, lieber alles offenhalten. Und auch FOMO - Fear of missing out – kommt nicht von irgendwoher. “Wie hätte sich mein Leben wohl verändert, wäre ich doch zu dieser Party gegangen?” Die Qual der Wahl verfolgt uns durch den ganzen Prozess. Ihr Gefährte: Die Verlustangst.

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Freiheit und Verantwortung gehören zusammen

Wir dürfen dankbar sein, dass wir unsere berufliche Laufbahn meist freier gestalten können als noch unsere Eltern. Dankbar, dass wir unseren Partner oder Partnerin frei wählen dürfen. Und wer mal wieder im linearen Fernsehen zwischen einer super lustigen Gameshow und “How I met your mother” wählen darf, der ist auch für die zahlreichen Optionen der Streaming Anbieter dankbar. Aber die Gleichung “Optionen = Freiheit = Zufriedenheit” geht heute nicht mehr auf. Vielleicht hat sich ja, wie die Autorin dieses Artikels, schon der ein oder andere in endlosen Diskussionen über das Fernsehprogramm mit dem Partner wiedergefunden. Die große Auswahl erscheint dann nicht mehr als Luxus, sondern als Belastung.

Freiheit bedeutet auch Verantwortung. “Verlieren wir zum Beispiel unsere Arbeit, können wir uns nicht darauf berufen, einfach dem Vorbild unseres Vaters oder Großvaters gefolgt zu sein. Unser Berufsweg war kein Schicksal, er wurde nicht durch das Milieu diktiert – wir selbst haben ihn gewählt.”, schreibt Lisa Auffenberg in der Psychologie Heute (61/2020).

Sollten wir uns deswegen in eine "optionsärmere" Zeit zurückwünschen? Nein. Aber wir dürfen die Verantwortung anerkennen, die aus Möglichkeiten erwächst. Wir dürfen entscheiden. Tun wir dies aktiv, so erfahren wir Selbstwirksamkeit. Das eigene, aus sich motivierte Handeln erfährt eine Wirksamkeit. Mehr noch: Haben wir aktiv eine Entscheidung getroffen, so ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass wir über deren Auswirkungen reflektieren – und daraus lernen. Ja, auch Misserfolge lasten wir uns - meist zu hart - an. Aber nur durch eine Wahlmöglichkeit und eine selbstbestimmte Entscheidung können wir uns einen Misserfolg zunutze machen, indem wir daraus lernen und beim nächsten Mal anders handeln. Die Freiheit, Entscheidungen zu fällen und dies auch zu tun hat also auch viel mit Lernen und Mut zu tun.

Welche Hilfestellungen gibt es denn eigentlich beim Treffen von Entscheidungen? Darum wird es im zweiten Teil unsere “Entscheidungs-Serie” gehen.

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Bild: Javier Allegue Barros auf Unsplash

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