Ich bin jetzt nicht erreichbar: Gesunde Grenzen setzen

Feierabend, endlich zu Hause. Plötzlich klingelt das Telefon. Eine gute Bekannte ist dran, man hat lange nicht gesprochen und sie braucht Rat. Was tun, wenn man seine Ruhe braucht?

*Der Tag war lang. Vom Gewusel im Büro ist man irgendwie bedröppelt, außerdem hat man viele Mails geschrieben, das eine oder andere Telefonat geführt, Meetings geplant und mit den Kollegen beim Mittagessen die Ereignisse der Woche diskutiert. Endlich zu Hause angekommen, kann man keinen Screen mehr sehen. Man möchte abschalten, die Elektronik beiseite legen, zur Ruhe kommen. Man hat gerade den Tisch gedeckt und das Abendessen vorbereitet, da klingelt plötzlich das Telefon. Könnte ja wichtig sein, man schaut nach und sieht den Anruf einer guten Bekannten, die man schon ewig nicht mehr gesprochen hat. Innerlich regt sich erster Widerstand. Aus Erfahrung weiß man, dass sich die Person nur schwer abwimmeln lässt und einen gerne in stundenlange Gespräche verwickelt, denen man sich nur mit einer guten Ausrede entziehen kann. Es klingelt weiter. Schließlich geht man doch ran. Sie freut sich, dass sie einen endlich erreicht hat. So viel sei passiert und außerdem brauche sie dringend ein offenes Ohr, denn in ihrem Job geht alles drunter und drüber. 2 Stunden später, es ist 21:30 Uhr. Sie bedankt sich für den Rat und freut sich schon auf das nächste Gespräch. Das Ohr ist heiß. Nur noch schnell den Wecker stellen, Mama bei Whatsapp schreiben und dann ab ins Bett und nicht mehr nachdenken. Vielleicht noch in die Naturdoku über einsame Eisbären in der Antarktis reinzappen. Lebt sich doch bestimmt gut da oben. So ganz allein. *

Kommt dir diese Situation bekannt vor? Auch wenn soziale Kontakte ein essentieller Glücksfaktor im Alltag sind, fällt es manchmal schwer, jemandem ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein. Denn um sich von den Geschehnissen des Tages zu erholen, braucht man den Luxus der Unerreichbarkeit. Wie schafft man es, anderen Menschen gegenüber gesunde Grenzen zu setzen? Tatsächlich ist ein Telefonat das beste Übungsfeld, um das “Neinsagen” zu üben. Ganz ohne Notlüge oder Ausreden.

Wie möchtest du gehört werden?

Jeder kennt das befreiende Gefühl eines langes Gesprächs, wenn der Schuh mal drückt. Danach fühlt man sich nicht nur leichter, sondern auch stark mit dem Gegenüber verbunden. Mach dir bewusst, wie gut es tut, wenn dir jemand wirklich zuhört und ein offenes Ohr Balsam für die Seele wird. Jemand, der dir wirklich zuhört, steht dir emotional zur Seite, ist dir zugewandt und weiß wahrscheinlich ganz intuitiv, was du brauchst.

Nun zur wichtigsten Frage: Würdest du wollen, dass dir jemand zuhört, der gar keine Lust oder keinen Nerv für euer Gespräch hat? Möchtest du, dass sich jemand deine Geschichte anhört, nur weil er oder sie sich nicht traut, dir zu sagen, dass gerade kein guter Zeitpunkt ist? Natürlich gibt es auch Situationen, in denen akut Hilfe oder Unterstützung gefragt ist. Trotzdem wünscht sich wohl niemand einen Gesprächspartner, der gar nicht wirklich offen für den Austausch ist. So würdest du sicherlich wollen, dass dir ein Zeichen gegeben wird, wenn die Aufmerksamkeitsgrenze des anderen erreicht ist.

Falls du zu den Menschen gehörst, die bei langen Gesprächen irgendwann den Lautsprecher einschalten und nebenbei gründlich den Herd putzen, dann tu dir selbst und deinem Gesprächspartner den großen Gefallen und hör einfach auf damit. Am besten sofort.

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Kenne dein Limit

Beginne damit, deine Wahrnehmung für die eigenen Grenzen zu schärfen. Wann fängst du an, in Gedanken abzuschweifen oder nebenher andere Dinge zu erledigen? Ein kleiner Tipp, wenn du dir noch unsicher bist: Dein Körper weiß genau, wann dir etwas zu viel ist. In einem Gespräch mit der FAZ bestätigt Coach und Autor Rolf Sellin, dass der Körper als erstes wahrnimmt, wenn sich eine Situation nicht mehr gut anfühlt. Oft zieht sich die Brust zusammen und ein unwohles Gefühl meldet sich in der Magengegend. Spür in deinen Körper hinein und vertrau darauf, dass er dir die richtigen Signale sendet, wenn es darauf ankommt.

Einfache Sätze wie “Ich merke, dass ich mich nicht mehr auf unser Gespräch konzentrieren kann” oder “Mir wird gerade bewusst, dass ich jetzt noch etwas Zeit für mich brauche” sind ein guter Anfang, um das Gespräch zu beenden. Auch wenn sich die gute Bekannte gewünscht hätte, noch eine weitere Stunde über ihren Alltag zu philosophieren, ist es wichtig, dass du hier Stopp machst, wenn deine Grenze erreicht ist.

Fühle dich nicht schlecht für ein Nein

Jeder Mensch hat seine individuelle Grenze und während manche diese ganz locker stecken, sind andere schneller am Limit, wenn es um sozialen Austausch geht. Auch wenn sich manch einer jede Minute am Tag mit Freunden umgeben könnte, gehörst du vielleicht zu denjenigen, die mehr Zeit für sich brauchen und besonders die Abendstunden schätzen, um zur Ruhe zu kommen und sich auszugleichen. Wichtig ist, die eigene Grenze zu akzeptieren und sich nicht im Nachhinein dafür zu verdammen, wenn man sie gesetzt hat. Du hast ein Telefonat abgesagt, weil es dir einfach zu viel war? Fühle dich nicht schlecht für dein Nein, denn wahrscheinlich war es ein Ja zu dir selbst und was du in diesem Moment gebraucht hast. Schlecht fühlt man sich vor allem, wenn man von einer Notlüge Gebrauch machen musste, um sich den benötigten Freiraum einzuräumen. Viel befreiender ist es, wirklich dazu zu stehen, was man möchte und was nicht - ohne sich danach für die eigene Grenze zu entschuldigen. Nur so wird man sensibler für die eigene Belastbarkeit.

Steh zu dir

Eine Grenze sorgt für dein Wohlbefinden und somit auch dafür, dass du dich voll und ganz auf andere einlassen kannst. Die Fähigkeit, wirklich empathisch zu sein, setzt außerdem deine vollste Aufmerksamkeit voraus. Aus einem Gefühl des Widerstands kann keine echte Unterstützung entspringen. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist das Grenzensetzen kein egoistischer Akt sondern vielmehr eine Form des Respekts sich selbst und anderen gegenüber. Solltest du also bei einem langen Telefonat merken, dass du irgendwann nicht mehr wirklich zuhörst, tust du der anderen Person keinen Gefallen, am Telefon zu bleiben. Sprich klar aus, wie es dir geht und was du fühlst. Es kann natürlich sein, dass du auf Unverständnis triffst. Ja, vielleicht braucht es sogar eine erhöhte Konfliktbereitschaft, wenn man damit beginnt, sich klarer auszudrücken. Mit etwas Übung wird es aber immer leichter, auch mal nein zu sagen und zu erspüren, wann es Zeit ist, für sein Limit einzustehen. Das gilt natürlich nicht nur für Telefonate, sondern auch am Arbeitsplatz oder wenn du dich generell von einer Situation oder Person überfordert fühlst.

Auch wenn es im zweiten Schritt etwas Mut erfordert, Grenzen setzen kann man lernen. Fang klein an! Wahrscheinlich wirst du schnell die Erfahrung machen, dass es keine negativen Konsequenzen hat. Vielmehr lernst du dich selbst besser kennen und ebnest damit auch den Weg, tiefere und vor allem authentische Beziehungen zu anderen aufzubauen.

Die Podcastfolge zum Impuls der Woche:

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