Von Alex­an­dra Gojowy

Kaum ist Wochen­ende, schon ist der Kalen­der voll: Par­ties, der Bummel über den Wochen­markt, Freunde tref­fen, Erle­di­gun­gen machen und end­lich mal wieder ein aus­ge­fal­le­nes Rezept kochen. Sonn­tag­abend stel­len wir dann erschro­cken fest, dass wir kaum von dem Weg zwi­schen Couch und Kühl­schrank abge­kom­men sind und stun­den­lang Serien geschaut haben, die wir eigent­lich schon nach der Pilot­folge nur noch semi inter­es­sant fanden. Spä­tes­tens jetzt stellt sich Unwohl­sein ein, innere Unruhe, Unzu­frie­den­heit.

Der Körper ist schwer, der Kopf wie bene­belt, irgend­wie hatten wir so viele Pläne, so viel Heiß­hun­ger auf Frei­zeit und Ver­gnü­gen und am Ende trotz­dem keine Kraft, wirk­lich etwas zu unter­neh­men. Fern­se­hen ist halt doch die leich­teste Form der Beschäf­ti­gung, wir müssen nicht nach­den­ken, uns nicht bewe­gen, können neben­bei soziale Kon­takte über das Smart­phone pfle­gen und vor allem müssen wir uns ein­fach mal um nichts küm­mern (außer darum, milde unter­hal­ten zu blei­ben und gele­gent­lich den Kanal oder den Snack zu wech­seln).

Klingt eigent­lich ganz nett, wäre da nicht das schlechte Gewis­sen, das sich wenige Stun­den vor der neuen Arbeits­wo­che in den alt­be­kann­ten Sonn­tags-Blues ver­wan­delt. Ein melan­cho­li­scher Song über die Mög­lich­kei­ten eines schein­bar ver­schwen­de­ten Wochen­en­des.

Leiden wir unter Wohl­fühl-Stress?

Eigent­lich sind wir bes­tens dar­über infor­miert, was uns angeb­lich gut tut. Lange Spa­zier­gänge, Zeit in der Natur, min­des­tens fünf ver­schie­dene Obst- und Gemü­se­sor­ten täg­lich, viel Wasser trin­ken, sich mit lieben Men­schen umge­ben, aus­rei­chend schla­fen, nicht zu viel Zucker und min­des­tens zwei Mal die Woche so rich­tig schwit­zen. Warum fällt es uns trotz­dem schwer, selbst die ein­fachs­ten Wohl­fühl-Tipps umzu­set­zen? Denn obwohl wir wissen, dass uns der Gang ins Fit­ness-Studio gut tun würde, landen wir im End­ef­fekt auf der Couch und schaf­fen es viel­leicht gerade so, den Haus­halt zu schmei­ßen. Irgend­wie haben wir keinen Nerv, aktiv etwas für unser Wohl­be­fin­den zu tun. Ja, manch­mal stres­sen uns die guten Rat­schläge sogar. Fast möch­ten wir uns in einem Akt der inne­ren Rebel­lion gegen die Wohl­fühl-Indus­trie auf­leh­nen und demons­tra­tiv nur noch unse­rem Dasein als faule Socke frönen. 

Laut einer Studie sind 75% der Men­schen am Sonn­tag Stu­ben­ho­cker. Ver­dient hätten es min­des­tens 100%, denn nach einer vollen Arbeits­wo­che sehen wir uns vor allem nach einem: Nichts­tun. Doch wer eine volle Woche mit einem leeren Wochen­ende kon­tert, kann schon mal in das Loch zwi­schen beiden Extre­men fallen. Wir möch­ten ein paar Tipps geben, wie man den Wech­sel sanft gestal­ten kann und gesunde Alter­na­ti­ven zum Seri­en­ma­ra­thon ent­wi­ckelt.

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Tipp 1: Ein gesun­des Gleich­ge­wicht her­stel­len

Meine Mutter arbei­tet in der Pflege — ohne Frage ein her­aus­for­dern­der Job, sowohl kör­per­lich als auch mental. Täg­lich trägt sie die Ver­ant­wor­tung für das Wohl­be­fin­den ande­rer Men­schen, hört per­sön­li­che Geschich­ten, erfährt von tra­gi­schen Schick­sa­len, arbei­tet, um Leben zu erhal­ten, ist im schlimms­ten Fall Zeugin von Tod. 

Privat küm­mert sie sich um ihre Fami­lie, um die Katze, geht joggen, kocht sich selbst fri­sche Mahl­zei­ten, trifft Freunde und besucht am Wochen­ende den einen oder ande­ren Work­shop, um sich wei­ter­zu­bil­den. Letz­tens sagte sie mir, sie habe ein schlech­tes Gewis­sen, da sie in ihrer Frei­zeit am liebs­ten faul auf der Couch liege. 

Wäh­rend ich meiner Mutter noch mehr faule Tage auf der Couch wün­sche, wurde ich mir eines gene­rel­len Pro­blems bewusst: Vielen von uns ist schlicht die gesunde Balance zwi­schen Ruhe und Akti­vi­tät im Alltag abhan­den gekom­men. Nicht selten haben wir zwei oder mehr Ter­mine unter der Woche, meist direkt nach der Arbeit, der Busi­ness-Lunch gar nicht mit ein­ge­rech­net. An einem wei­te­ren Abend nehmen wir uns vor, Sport zu machen, einen ande­ren Abend möch­ten wir mit dem Part­ner ver­brin­gen. Plötz­lich ist Sams­tag, aber die Bat­te­rien sind leer und die Couch der attrak­tivste Zufluchts­ort, um sich auf­zu­tan­ken.

Dabei würde es sicher­lich gut tun, ein­fach mal raus zu kommen und zwi­schen Frei­tag und Montag wenigs­tens ein Erleb­nis zu haben, das uns den Kopf leer pustet. 

Unser Tipp: Auf ein gesun­des Gleich­ge­wicht im Alltag achten. So begin­nen wir das Wochen­ende nicht völlig aus­ge­laugt, haben mehr Ener­gie und vor allem Muße, uns um das eigene Wohl­be­fin­den zu küm­mern. Auch dabei geht es um das rechte Maß: fern­se­hen ist kein Ver­bre­chen an unse­rer Gesund­heit und es spricht abso­lut nichts dage­gen, einen Abend zu Hause zu gam­meln oder mal wieder einen Film­abend mit Freun­den oder der Fami­lie zu orga­ni­sie­ren (immer­hin die ideale Akti­vi­tät für alle Serien-Jun­kies und Couch-Pota­toes).

Vor allem aber soll­ten wir lernen, uns auch unter der Woche mehr Raum zum Ent­span­nen zu geben, Ter­mine auch mal abzu­sa­gen, den Besuch im Fit­ness-Studio zu can­celn. Körper und Geist werden sich spä­tes­tens Sams­tag­abend mit ein biss­chen mehr Elan bedan­ken.

Tipp 2: Lan­ge­weile auch mal zulas­sen

Lan­ge­weile scheint heut­zu­tage fast gefähr­lich zu sein. Zumin­dest reagie­ren wir darauf oft mit Ner­vo­si­tät, Unruhe und dem Gefühl, sofort etwas tun zu müssen, um dem ent­ge­gen­zu­wir­ken. Lan­ge­weile ist für viele Men­schen tat­säch­lich schwer aus­zu­hal­ten, noch dazu haben wir es so ein­fach wie nie, sie zu besei­ti­gen. Egal, ob wir auf die U-Bahn warten, zu früh zu einem Tref­fen erschei­nen oder gerade das Nudel­was­ser auf­ge­setzt haben, das Smart­phone hilft uns, jede noch so lang­wei­lige Minute in einen Moment der geis­ti­gen Beschäf­ti­gung zu ver­wan­deln.

Wer sich noch an die Zeit vor dem Smart­phone erin­nert, weiß, dass genau in sol­chen Momen­ten neue Ideen ent­ste­hen können. Gran­diose Ein­fälle, krea­tive Geis­tes­blitze oder auch die eigene Intui­tion melden sich vor allem dann, wenn das Gehirn im Leer­lauf ist. Viel­leicht merken wir erst dann, dass wir eigent­lich gar keine Nudeln wollen oder spüren ganz deut­lich das Bedürf­nis nach fri­scher Luft. Unser Tipp: Lan­ge­weile ein­fach mal zulas­sen. Wer gar nichts mit sich anzu­fan­gen weiß, kann in sol­chen Momen­ten wun­der­bar das Medi­tie­ren üben. 

Ein­fach hin­set­zen, Augen schlie­ßen und nichts tun, außer die eige­nen Gedan­ken beob­ach­ten, die Unruhe, den Drang, etwas tun zu wollen. Welche Gedan­ken halten uns beschäf­tigt? Was drängt sich in den Vor­der­grund? Was zeigt sich in der Lan­ge­weile? Oft genau das, was wir im hek­ti­schen Alltag schlu­cken, ver­drän­gen, nicht angu­cken wollen. Lasst uns einen Raum schaf­fen, in dem wir der Lan­ge­weile ein­fach mal zuhö­ren, denn sie hat ihre ganz eigene Geschichte. Viel­leicht hören wir auch unse­ren eige­nen Anspruch heraus, immerzu beschäf­tigt sein zu müssen. In diesem Fall dürfen wir unser inne­res Arbeits­tier in den Arm nehmen. Und zum Nude­l­es­sen ein­la­den.

Tipp 3: Mul­ti­tas­king!

Nor­ma­ler­weise spre­chen wir uns gegen Mul­ti­tas­king aus. Und das nicht ohne Grund. Mitt­ler­weile ist gut belegt, dass unsere Leis­tung und Pro­duk­ti­vi­tät erheb­lich dar­un­ter leiden, wenn wir zu viele Dinge gleich­zei­tig erle­di­gen wollen. Diese Regel möch­ten wir jetzt etwas lockern und für mehr Mul­ti­tas­king wäh­rend der Frei­zeit plä­die­ren! Das kann uns helfen, wenn wir uns zwi­schen Haus­halt, Sozi­al­le­ben und Fern­se­hen ent­schei­den müssen. Schon oft habe ich die Frage gehört, wann ich denn eigent­lich Zeit hätte, um Pod­casts zu hören.
Ganz ein­fach: Wäh­rend ich putze! 

Meine liebste Sonn­tags-Akti­vi­tät ist seit Jahren Pod­cast hören und dabei auf­räu­men. Die eige­nen vier Wände muss ich sowieso sauber halten, warum neben­bei nicht noch was lernen? Noch ein Tipp: Leichte Unter­hal­tung und Kör­per­übun­gen ver­bin­den. Jeder kennt Serien, denen man keine 100%ige Auf­merk­sam­keit schen­ken muss. Serien, die keine tief­grün­dige Hand­lung ver­fol­gen, sind der ideale Sound­track für ein paar leichte Übun­gen, wie zum Bei­spiel Schul­ter­kreise oder auch Balan­ce­übun­gen, bei denen man einen Punkt im Raum fixie­ren soll (zum Bei­spiel die Baum­übung aus dem Yoga). 

Wenn das bewegte Bild zu stark ablenkt, kann ein Hör­buch eine gute Alter­na­tive sein. Auch Übun­gen mit der Fas­zi­en­rolle lassen sich wun­der­bar aus­füh­ren, wäh­rend man einer span­nen­den Geschichte oder Nach­rich­ten aus aller Welt lauscht. Und für alle Stu­ben­ho­cker, die sich trotz­dem nach Kon­takt sehnen: Findet einen Stu­ben­ho­cker eures Her­zens und ver­ein­bart eine Koch­ses­sion über das Tele­fon!

Ein­fach anru­fen, Laut­spre­cher ein­schal­ten und gemein­sam schnip­peln, braten, spei­sen — oder ein­fach nur Nudel­was­ser auf­set­zen.

Wie ihr seht, haben auch wir kein gehei­mes Wohl­fühl­re­zept, das den Sonn­tags-Blues in ein fröh­li­ches Lied­chen ver­wan­delt. Trotz­dem möch­ten wir euch an die klei­nen Stell­schrau­ben des All­tags erin­nern, die wir ab und zu bedie­nen können, um aktiv etwas für unser Wohl­be­fin­den zu tun. Manch­mal ist das ein Seri­en­ma­ra­thon, manch­mal ein Sonn­tag­nach­mit­tag in der Natur. 

Vor dem Sonn­tags-Blues können wir uns aber nur schüt­zen, wenn wir dau­er­haft mehr Balance in unser Leben brin­gen, sodass es uns weder vor dem Montag graut, noch ein schlech­tes Gewis­sen ver­ur­sacht, wenn wir das ganze Wochen­ende im Bett ver­brin­gen. Extreme sind immer anstren­gend, lasst uns also lieber Ent­span­nung kul­ti­vie­ren, Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Die Pod­cast­folge zum Impuls der Woche:


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Bild: Paolo Nicolello auf Uns­plash