Car­lotta Koroll

Wie viel Posi­ti­vi­tät ist zu viel?

End­lich haben wir Men­schen begrif­fen, dass die innere Ein­stel­lung zu Dingen, die mit uns und um uns herum pas­sie­ren, aus­schlag­ge­bend für unser Glück ist.

Doch Moment mal: Heißt das, wir können alles, was im Außen pas­siert, irgend­wie so drehen, dass es uns gut tut? Nein. Diese Falle, allem eine posi­tive Seite zu ver­schrei­ben, hat einen Namen: Toxic Posi­ti­vity.

Toxic Posi­ti­vity äußert sich vor allem darin, jeden nega­ti­ven Gedan­ken, jedes unwohle Gefühl oder eine unan­ge­nehme Reak­tion im Außen mit etwas Posi­ti­vem aus­glei­chen zu wollen: Das Gespräch mit deinem Chef ist nicht gut gelau­fen? Aber hey, wenigs­tens scheint heute die Sonne“. Deine Freun­din hat schon wieder eine Job-Absage bekom­men? Die sind ja selbst schuld. Bestimmt wartet da noch eine viel bes­sere Stelle auf dich.“

Was gut gemeint ist, rich­tet irgend­wann Scha­den an: Denn zu viel Opti­mis­mus macht uns unglück­lich und unser Leben unau­then­tisch. Warum das so ist, erklä­ren wir in diesem Arti­kel. Wo also ist die Grenze zwi­schen Opti­mis­mus und krank­haf­ter Posi­ti­vi­tät?

Warum zu viel posi­ti­ves Denken scha­det

Unan­ge­nehme Emo­tio­nen stän­dig mit etwas posi­ti­vem aus­zu­glei­chen ist hart gesagt Ver­drän­gung. Wir wollen das Nega­tive nicht fühlen, also suchen wir uns einen posi­ti­ven Aspekt an der Situa­tion, an dem wir uns fest­hal­ten können. Doch funk­tio­niert das lang­fris­tig? Fol­gende Pro­bleme ent­ste­hen dabei:

1. Ver­drän­gung ver­stärkt unsere Emo­tio­nen

Stu­dien zeigen, dass Emo­tio­nen ver­stärkt werden, wenn wir sie unter­drü­cken. In einem Expe­ri­ment von 1997 beka­men zwei Grup­pen Videos von medi­zi­ni­schen Ein­grif­fen gezeigt. Die einen soll­ten dabei ihre Gefühle zeigen, die ande­ren beka­men die Vor­schrift, sich nichts anmer­ken zu lassen. Das Ergeb­nis: Bei den­je­ni­gen, die ihre Gefühle unter­drück­ten, wurden stär­kere phy­sio­lo­gi­sche Reak­tio­nen auf die unan­ge­neh­men Bilder gemes­sen.

Das glei­che pas­siert, wenn wir ein unan­ge­neh­mes Gefühl nicht aus­drü­cken, weil wir es sofort mit der posi­ti­ven Seite der Situa­tion“ über­la­gern: Es wird sich auf Dauer ver­stär­ken.

Es geht nicht darum, bei jeder Gele­gen­heit deine Gefühls­welt zu offen­ba­ren, wenn dich jemand fragt, wie es dir geht. Das ent­schei­dende ist, ehr­lich mit dir selbst zu sein und mit deinen engen Freun­den über deine Pro­bleme zu spre­chen. Und zwar ohne sie dabei schön zu reden. Und das beginnt damit, deine Gedan­ken und Gefühle ehr­lich wahr­zu­neh­men.

2. Ohne Fühlen keine Ver­än­de­rung

Stell dir fol­gende Situa­tion vor: Etwas pas­siert, das dich sehr stört. Doch das nega­tive Gefühl, das sich auftut, über­la­gerst du mit einem ange­neh­me­ren, indem du die Situa­tion her­un­ter­spielst — Ach, das wird schon wieder“, So schlimm wird es nicht sein“. Was pas­siert dann? Genau, nichts. 

Und was, wenn wir du dich trauen wür­dest, deinem Gefühl nach­zu­ge­hen? Es öffnet sich die Chance, den Ursprung deiner Gefühle zu ver­ste­hen: Was dich wirk­lich stört oder woher dein Unwohl­sein kommt. Und tust damit den ersten Schritt, um etwas an der Situa­tion zu ändern. Denn erst durch Aus­ein­an­der­set­zung ist eine kon­struk­tive Pro­blem­lö­sung mög­lich! Das ist zwar sicher­lich nicht der leich­teste Weg, doch der­je­nige, der die Ver­än­de­rung her­vor­brin­gen kann, die du letzt­end­lich brauchst.

Klar, manche Pro­bleme können wir nicht kur­zer­hand lösen, auch wenn wir sie iden­ti­fi­ziert haben. Das Leben ist bekannt­lich kom­plex und Pro­bleme oft mit­ein­an­der ver­wo­ben.

Bei zu viel Opti­mis­mus schrau­ben wir sofort an unse­rer Ein­stel­lung, obwohl es viel­leicht eine viel bes­sere Lösung gäbe. Eine Lösung, die jedoch im Dun­keln bleibt, weil wir mit über­la­gern­dem Opti­mis­mus gar nicht den Kern des Pro­blems erken­nen können. Um zu ver­ste­hen, was genau uns an einer Situa­tion stört, müssen wir unsere Gefühle anneh­men. Und nur wenn wir diese Erkennt­nis ins Licht holen, kommen wir zu einer Pro­blem­lö­sung, die uns wirk­lich glück­lich macht.

Und dafür müssen wir erst mal andere Stell­schrau­ben als unsere Hal­tung in Erwä­gung ziehen. Die Rei­hen­folge der Pro­ble­m­un­ter­su­chung sollte eher sein: 

3. Wir blo­ckie­ren unsere Bezie­hun­gen

Stell dir einen Men­schen vor, der immer gut drauf ist und mit allem ohne Pro­bleme klar kommt. Wür­dest du mit ihm gerne über dein Gefühls­le­ben reden? Ver­mut­lich nicht. Möchte sich jemand gar nicht erst in nega­tive Gefühle rein­den­ken, ist im Gespräch weder emo­tio­nale Unter­stüt­zung noch kon­struk­tive Pro­blem­be­spre­chung mög­lich.

In der Posi­tive Vibes only“-Welt, ten­die­ren wir dazu, unsere Gefühle schön­zu­re­den. Und wenn das nicht geht, dann wird ihnen ein Sinn gege­ben, der irgend­wann zu unse­rem Happy End führt. Ich bin mir sicher, dass ich irgend­wann ver­ste­hen werde, warum es so pas­sie­ren musste“. Doch sind wir ehr­lich: So geord­net ist das Leben leider nicht.

Diese Ein­stel­lung führt auf beiden Seiten der Bezie­hung zu Abkap­se­lung: Du redest nicht mehr offen und ehr­lich über deine Emo­tio­nen, wodurch du dich einsam fühlst. Und je weni­ger du über deine eige­nen Schwie­rig­kei­ten redest, desto unwoh­ler fühlt sich der andere dabei, offen und authen­tisch zu sein. So geht der Kreis­lauf immer weiter. Die Maske der Posi­ti­vi­tät macht Bezie­hun­gen also lang­fris­tig ziem­lich ober­fläch­lich.

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Wo bleibt die Ehr­lich­keit?

Bei all diesen Punk­ten scheint es uns vor allem an einem zu fehlen: Ehr­lich­keit. Ehr­lich­keit uns selbst gegen­über — Was fühle ich wirk­lich? Aber auch Ehr­lich­keit ande­ren gegen­über. Einer­seits indem wir unsere Gefühle nicht aus­drü­cken, weil wir sie nicht wahr­ha­ben wollen. Aber auch über diese Ebene hinaus: Denn wir wollen schließ­lich unse­rem Freund nicht den Opti­mis­mus nehmen, oder gar für nega­tive Gefühle ver­ant­wort­lich sein.

Toxi­scher Opti­mis­mus kann sich also auch zeigen, indem wir pro­bie­ren, die Pro­bleme des ande­ren schön­zu­re­den. Denn jeman­dem zu sagen, dass wir eine Idee schlecht finden, eine Person nicht leiden können oder ein ein­fa­ches Nein“ ohne Aber“, sind nicht leicht. Und mit einer Prise Opti­mis­mus lässt es sich posi­tiv aus­drü­cken. Blöd nur, dass wir beim Ver­such, Har­mo­nie ins Welt­bild zu brin­gen, unsere wahren Mei­nun­gen und Gefühle zur Seite drän­gen. Man kann es nicht schön­re­den: Wir ver­stel­len uns.

Dabei ist Ehr­lich­keit meist das ein­zige, was Men­schen wei­ter­bringt. Kommen wir zurück zu unse­rer Freun­din, die keinen Job bekommt. Bringt es ihr mehr, wenn wir nach jeder Absage beteu­ern, wie toll sie ist oder wenn wir eine ehr­li­che Mei­nung zu ihrem Lebens­lauf geben? Kritik kann wehtun, doch wird sie lang­fris­tig mehr geschätzt, als Flos­keln.

Ein Aufruf zu mehr Authen­ti­zi­tät

Ehr­lich­keit und Akzep­tanz uns selbst gegen­über geht übri­gens Hand in Hand mit Authen­ti­zi­tät gegen­über ande­ren Men­schen. Wenn wir unsere Gefühle erst mal anneh­men, ist es eine Frage der Prio­ri­tät und des Selbst­ver­trau­ens: Will ich lieber mir selbst treu sein? Oder ist es mir wich­ti­ger, von mög­lichst vielen gemocht zu werden, indem ich immer sage, was andere hören wollen? 

Letz­te­res trai­nie­ren sich viele von uns über Jahre hinweg an: Immer Ja und Amen zu sagen, um in Per­so­nen­kreise oder Rol­len­scha­blo­nen hin­ein­zu­pas­sen. Des­we­gen ist der erste Schritt: Nimm wahr, was du über­haupt fühlst — ohne jeg­li­chen Filter. 

Denk­mus­ter ändern: Eine Frage der Acht­sam­keit

Hier spielt Acht­sam­keit eine wich­tige Rolle: Die eige­nen Gefühle und Gedan­ken anneh­men, ohne wie gewohnt zu reagie­ren. Die Pause zwi­schen Reiz und Reak­tion mög­lichst bewusst wahr­zu­neh­men — anstatt Gefühle zu über­la­gern oder klein zu reden — das ist Acht­sam­keit.

Und die hilft dir dabei, ehr­lich mit dir und ande­ren zu sein. Natür­lich ist das nichts, was von heute auf morgen klappt. Denk­mus­ter zu durch­bre­chen ist Übungs­sa­che. Doch sicher­lich eine loh­nens­werte Übung, denn unsere Gedan­ken­mus­ter holen uns immer wieder ein. Es sind viele kleine Ent­schei­dun­gen, die bestim­men, was uns als Mensch aus­macht.

Wie wäre es das nächste mal auf die Frage Wie geht es dir?“ ehr­lich zu ant­wor­ten? Oder jeman­dem zu sagen, dass dir seine Idee nicht gefällt? Nein zu sagen, ohne eine ewige Erklä­rung zu geben?

Wenn wir uns selbst akzep­tie­ren, soll­ten wir im selben Atem­zug zufrie­den damit sein, dass das nicht alle toll finden werden. Du darfst auch Mei­nungs­un­ter­schiede haben mit Men­schen, die du sehr respek­tierst und sie können ebenso blöd finden, was du tust oder sagst. Die Unter­schiede wie sie sind anzu­neh­men und zu respek­tie­ren, das ist Authen­ti­zi­tät.

So finden wir also das rich­tige Maß an Opti­mis­mus und Posi­ti­vi­tät: Durch Ehr­lich­keit, durch Refle­xion und dadurch, auch mal den unan­ge­neh­men Weg zu gehen.

Toxic Posi­ti­vity: Was du dage­gen tun kannst

Wich­tig: Die Dosis macht das Gift. Opti­mis­mus und posi­tive Ein­stel­lung sind sicher nicht per se falsch. Es gilt Gedan­ken, Gefühle und Ent­wick­lun­gen im Außen so anzu­neh­men, wie sie sind. Denn auch das Ver­stri­cken in nega­tive Gedan­ken­schlei­fen bringt uns auch abso­lut nicht weiter.

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Die Pod­cast­folge zum Arti­kel: