Eine Reihe von Daniela Obers

Wir möch­ten euch in unse­rer neuen Reihe einige der vielen Helden des All­tags in der Corona-Krise vor­stel­len. Wel­chen Her­aus­for­de­run­gen stel­len sie sich gerade tag­täg­lich und welche Lösun­gen haben sie in der neuen Nor­ma­li­tät für sich gefun­den? Viel­leicht können wir ja noch etwas von­ein­an­der lernen. Oder uns auch ein­fach nur ein­an­der näher fühlen.

Die neue Nor­ma­li­tät für Coa­chin Svenja

Heute stel­len wir euch Svenja Haus vor. Die 30 jäh­rige ist aus­ge­bil­dete Coa­chin und arbei­tet bei Coach­hub als Head of Coa­ching.

Was ist aktu­ell deine größte Her­aus­for­de­rung und was lernst du aus ihr?

Die größte Chal­lenge für mich ganz per­sön­lich aktu­ell ist es, Abwechs­lung und Dank­bar­keit in meinen Home Office Alltag zu brin­gen. Wenn der Tag so schnell vorbei geht (Zoom Mee­tings im 30 Minu­ten Takt), dann fliegt die Zeit und die Ener­gie nur so. Daher ver­su­che ich ganz bewusst, die Nähe zur Natur zu suchen, mich zu erden und die klei­nen Dinge im Leben zu zele­brie­ren. Im Beruf finde ich es her­aus­for­dernd, die Ver­bin­dung zu meinem Team und Kol­le­gIn­nen zu halten und trotz phy­si­scher Dis­tanz gedank­lich bei­ein­an­der und für­ein­an­der da zu sein. Beson­ders schön finde ich es, wie krea­tiv die Men­schen dabei werden und ein­fach immer irgend­wie weiter machen. Bei­spiels­weise haben wir ein lang ersehn­tes Team Event auf­grund der aktu­el­len Lage immer wieder auf­ge­scho­ben. Irgend­wann haben wir jedoch gesagt: Wir machen das jetzt trotz­dem — nur etwas anders”. Letz­ten Endes haben wir alle eine Ein­kaufs­liste bekom­men und wurden per Video Call durch ein Rezept für super leckere Tacos geführt und hatten viel Spaß beim gemein­sa­men Kochen. Danach haben wir noch Spiele gespielt und lange zusam­men geses­sen — alles kom­plett remote. Was lehrt mich das? Es gibt immer eine Lösung!

Wel­ches Buch, wel­cher Pod­cast, welche Serie oder wel­cher Song hat dich durch die Krise bisher beglei­tet?

Tat­säch­lich habe ich mir zusam­men mit meinem Mann rela­tiv zu Beginn dieser Zeit eine Happy Corona Times”-Playlist bei Spo­tify ange­legt. Diese beinhal­tet nur Gute Laune Songs, zu denen man ein­fach tanzen muss und die vor allem Hoff­nung und Posi­ti­vi­tät ver­brei­ten. Darauf findet sich z.B. Don’t you worry bout a thing” von Stevie Wonder aber auch Him­mel­blau” von den Ärzten wieder — ein bunter Mix also. An Seri­en­ma­te­rial haben wir eben­falls alles auf­ge­braucht, was Net­flix, Amazon Prime und sogar Disney Plus zu bieten hatten. Dar­un­ter u.A. Better Call Saul, Kil­ling Eve, Suits (zum zwei­ten Mal) und ein paar Disney Klas­si­ker aus der Kind­heit — exzes­si­ves Binge Watching, wie es im Buche steht. Im Punkto Bücher ging es etwas seriö­ser zu — hier zieht es mich meist doch eher zur Fach­li­te­ra­tur. Eins meiner neuen Schätze heißt: Hel­ping people Change” von Richard Boyat­zis und beschäf­tigt sich mit For­schungs­er­geb­nis­sen und Coa­ching Tech­ni­ken, die Men­schen dabei unter­stüt­zen, ihre Ziele nach­hal­tig zu errei­chen. Im Bücher­sta­pel gleich dar­un­ter liegen dann noch Crea­ting a Coa­ching Cul­ture” von Peter Haw­kins und Radi­cal Candor” von Kim Scott. Dar­über hinaus hat mich vor­al­lem mein Lieb­lings­koch­buch von Anna Jones durch diese Zeit beglei­tet und mir wieder bewusst gemacht, wie­viel Freude ich am Kochen habe.


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Wie hältst du trotz social dis­tan­cing Kon­takt? Und wie fühlt sich das für dich an?

Ehr­li­cher­weise bin ich zu Beginn sehr unso­zial gewe­sen und habe mich zumin­dest privat kaum mit ande­ren zum Tele­fo­nie­ren ver­ab­re­det. Ich hatte irgend­wie keine Ener­gie und Kraft — wenn man beruf­lich bereits den ganzen Tag in Video Calls hängt. Nach und nach habe ich mich dann mit Freun­den auf einen vir­tu­el­len Aperol Spritz getrof­fen oder ein­fach mal die Video Kamera ange­macht, um sich ein biss­chen näher zu sein. Dieser Effekt war immer dann beson­ders wir­kungs­voll, wenn man sonst mit diesen Men­schen nur per Tele­fon gespro­chen hat (z.B. meine Eltern). Auch das Ausmaß und die Häu­fig­keit von Sprach­nach­rich­ten hat zuge­nom­men, obwohl ich eigent­lich über­haupt kein Fan davon bin. Ich fand es immer albern, wenn Leute auf der Straße laufen und halbe Romane in ihr Handy dik­tie­ren. Aber wenn ich eine Sprach­nach­richt bekom­men habe, habe ich gemerkt, dass ich mich so sehr dar­über freue, die Stimme des ande­ren zu hören. Das macht es noch­mal einen Ticken per­sön­li­cher, also dachte ich mir — warum nicht? Inso­fern fühlen sich viele der neuen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men, sei es nun Video Call oder Sprach­nach­richt, für uns erst­mal unge­wohnt an, helfen letzt­end­lich aber doch, den Kon­takt auf­recht zu halten denke ich.

Was glaubst du, brau­chen wir gerade mehr: Gelas­sen­heit, Dis­zi­plin, Dank­bar­keit oder Frei­heit? Oder brauchst du etwas ande­res?

Ich denke, dass wir gerade alles zusam­men brau­chen. In der Posi­ti­ven Psy­cho­lo­gie gibt es ein Kon­strukt, wel­ches sich PsyCap” (kurz für Psy­cho­lo­gi­cal Capi­tal) nennt (Lut­hans, F., & Yous­sef-Morgan, C. M. (2017)). Dieses beschreibt vier Res­sour­cen bzw. innere Stär­ken, die es uns ermög­li­chen, posi­tiv durch Kri­sen­zei­ten zu gehen: Hoff­nung, Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tung, Resi­li­enz und Opti­mis­mus. Damit ist nicht gemeint, mit einer rosa­ro­ten Brille durch diese Welt zu gehen und alles schön zu malen, son­dern die Fähig­keit, auch in her­aus­for­dern­den Umstän­den Chan­cen zu sehen und diese mit viel Wil­lens­kraft und Wider­stands­fä­hig­keit zu ergrei­fen. Span­nend ist dabei die Frage, wie man diese Fähig­kei­ten ent­wi­ckeln kann. Häufig erlebe ich diese Frage als eines der aktu­el­len Fokus­the­men im Coa­ching, denn hier drauf gibt es keine all­ge­mein­gül­tige Ant­wort. Im sys­te­mi­schen Coa­ching geht man grund­sätz­lich davon aus, dass wir all das, was wir für die Lösungs­fin­dung benö­ti­gen schon in uns tragen. Das Coa­ching kann dann dabei helfen dieses etwas zu iden­ti­fi­zie­ren und zu akti­vie­ren. Die gute Nach­richt lautet also: Wir besit­zen schon alles, um resi­li­ent, opti­mis­tisch, hoff­nungs­voll und selbst­wirk­sam durch diese Zeit zu gehen. Jetzt gilt es nur noch seinen Fokus rich­tig zu setzen und neue Per­spek­ti­ven zu erkun­den.

Was bedeu­tet Acht­sam­keit für dich per­sön­lich und wie prak­ti­zierst du?

Acht­sam­keit und ich sind manch­mal ein biss­chen wie der JoJo Effekt einer Diät bzw. einer gesun­den Ernäh­rungs­weise. Auch wenn ich weiß, wie wir­kungs­voll Acht­sam­keit ist und wie gut es mir tut, schaffe ich es nicht immer, sie umzu­set­zen. Vor Allem mit dem Medi­tie­ren tue ich mich schwer. Ich habe irgend­wann für mich raus­ge­fun­den, dass Acht­sam­keit nicht gleich Medi­tie­ren bedeu­tet, son­dern viel­mehr eine Hal­tung beschreibt, wie ich durch das Leben gehen möchte. Ich bin acht­sam wenn ich an Blumen im Park rieche, ich bin acht­sam, wenn ich Obst und Gemüse ein­kaufe, ich bin acht­sam beim Yoga und in meinen Coa­chings. Und aktu­ell nutze ich Acht­sam­keit auch gezielt, um all die Emo­tio­nen, die gerade so auf­kom­men, bewusst wahr­zu­neh­men, um mich aktiv ent­schei­den zu können, wie ich reagie­ren möchte. Emo­ti­ons­re­gu­la­tion ist auch bei vielen unse­rer Kli­en­ten eins der Top Themen im Coa­ching. Häufig merken wir gar nicht, dass unsere Emo­tio­nen gerade Polka tanzen und wir rea­li­sie­ren häufig erst später, dass wir gerade auf sie reagiert haben. Zwi­schen Emo­ti­ons­aus­lö­ser und Reak­tion gibt es jedoch viele Zwi­schen­schritte, die wir aktiv wahr­neh­men und beein­flus­sen können — das kann man trai­nie­ren wie einen Muskel.

Wenn du eine Bot­schaft durch das Mega­fon rufen könn­test, was wür­dest du gerade in die Welt schreien wollen?

Ruhe bewah­ren, acht­sam mit sich selbst und ande­ren sein und sich auf das Schöne im Leben fokus­sie­ren.

Was wünschst du dir, was die Welt aus der Krise mit­nimmt?

Ich wün­sche mir, dass wir gestärkt aus dieser Zeit raus gehen und diese Zeit als men­ta­les Retreat nutzen konn­ten. Viele meiner Kli­en­ten nutzen diesen Umbruch, um in sich hin­ein­zu­hor­chen und her­aus­zu­fin­den, was sie eigent­lich wirk­lich machen wollen. Wie sie sich ihr Leben vor­ge­stellt haben und wo sie im Hin­blick darauf aktu­ell stehen. Inso­fern gilt es auch hier wieder, diese Zeit als Chance für sich zu erken­nen und einmal mental auf Reset zu drü­cken.


Und nun zu dir: Wie wür­dest du die Fragen beant­wor­ten? Nutze sie gerne als Inspi­ra­tion für die eigene Refle­xion oder stelle sie dir gemein­sam mit einem nahe­ste­hen­den Men­schen. So kannst auch du mehr Ver­bun­den­heit in der Krise auf­bauen.
Nächste Woche kommt ein wei­te­res Inter­view, mit neuen Blick­win­keln und Gedan­ken. Vielen Dank Svenja für deine Ein­sich­ten!

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Bild: Bára Buri auf Uns­plash