Car­lotta Koroll

Auf der Suche nach dem Glück

Das neue Jahr beginnt und viel­leicht gehörst du ja zu den­je­ni­gen, die flei­ßig Vor­sätze schmie­den und manche sogar ein­hal­ten. Mehr bewe­gen, weni­ger Junk­food essen, öfter mal nein“ sagen, öfter ja“ sagen — Es gibt viele Arten, wie wir uns und unsere Lebens­weise ver­bes­sern könn­ten. Doch was wollen wir damit eigent­lich errei­chen? Fast jeder würde darauf ant­wor­ten: Das Ziel dahin­ter ist ein glück­li­ches Leben. Egal durch welche Maß­nahme, am Ende stre­ben wir alle nach dem glei­chen: Glück. 

Doch sind wir damit erfolg­reich? Es gibt durch­aus Phi­lo­so­phen, die behaup­ten, das Stre­ben nach Glück mache uns alles andere als glück­lich. Ver­trei­ben wir das Glück mit unse­ren stän­di­gen Ver­su­chen, mehr Glück zu erle­ben? Das wollen wir in diesem Arti­kel her­aus­fin­den.

Glück“ bedeu­tet…

Der Begriff Glück fand erst rela­tiv spät in unse­ren Sprach­ge­brauch Ver­wen­dung. Die erste Über­lie­fe­rung stammt aus dem 12. Jahr­hun­dert. Das Wort stammt vom mit­tel­hoch­deut­schen Wort Gelü­cke“, das erst einen Deckel, der eine Lücke schloss, meinte. Die Bedeu­tung ent­wi­ckelte sich dann zu einem güns­ti­gen Schluss/​Ausgang eines Ereig­nis­ses“.

Begin­nen wir mit einer wich­ti­gen Unter­schei­dung: Das kurz­fris­tige Glücks­ge­fühl, das durch äußere Ein­flüsse bedingt wird und das Glück, das aus uns heraus ent­steht. In vielen Spra­chen wird, anders als im Deut­schen, zwi­schen diesen beiden Dimen­sio­nen unter­schie­den. So heißt es im Eng­li­schen zum Bei­spiel to be lucky“, wenn es sich um einen glück­li­chen Zufall han­delt oder to be happy“, wenn das umfas­sende Gefühl des glück­lich seins gemeint ist. Und im fran­zö­si­schen unter­schei­det man zwi­schen la bonne chance“ und le bon­heur“.

Phi­lo­so­phen mach­ten sich schon vor Tau­sen­den von Jahren Gedan­ken über das Glück. Rich­ten wir den Blick auf die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie, um her­aus­zu­fin­den, wie sich der Glücks­be­griff ent­wi­ckelte. Auch damals herrschte keine Einig­keit dar­über, was das Glück ist und wie wir zu ihm kommen. Stell­ver­tre­tend für die Phi­lo­so­phen der Epoche stehen hier Aris­tot­les, Epikur und die Stoa.

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Glück in der Phi­lo­so­phie

Aris­to­te­les: Glück in der Gemein­schaft

Der wohl bekann­teste Phi­lo­soph der Antike ist Aris­to­te­les. Für ihn steht das Glück eines Men­schen immer in Bezie­hung mit der Polis“ (die Gemein­schaft, der Staat.) Denn wer Tugen­den inner­halb dieser ent­fal­tet, ist glück­se­lig. Somit bedeu­tet Glück für Aris­to­te­les etwas Akti­ves. Der Mensch unter­scheide sich von Pflan­zen durch seine Ver­nunft. Um sein Werk zu voll­enden, müsse der Mensch die Ver­nunft in seiner Tätig­keit umset­zen — das tugend­hafte Han­deln ist nach Aris­to­te­les die pri­märe Wurzel des Glücks. Ver­mö­gen spie­len für Aris­to­te­les eine sekun­däre Rolle, wird aber den­noch als not­wen­dig für die Glück­se­lig­keit erach­tet. Was die zwei Glücks-Kom­po­nen­ten ver­nünf­ti­ges Han­deln und ein gewis­ser Wohl­stand gemein haben, ist ihre Abhän­gig­keit von der Gemein­schaft. Die Gemein­schaft gibt vor, was ver­nünf­tig ist und ist nötig, damit ich Geld ver­die­nen kann. Nur mit ihr kann der Mensch zum Glück kommen.

Epikur: Das rich­tige Maß an Lust

Fragt man den Phi­lo­so­phen Epikur (341 bis 270 v. u. Z.), was Glück aus­macht, würde er begin­nen, von Lust zu reden. Das ist nicht so platt gemeint, wie es auf den ersten Blick klingt. Es geht eher um die Ver­mei­dung von Unlust, als das Maxi­mie­ren der Lust. Er geht sogar noch weiter und behaup­tet, mit großer Lust gehe auch immer große Unlust einher, wes­we­gen man lieber das kleine Glück“ anstre­ben solle. Obwohl er Luxus für unnö­tige Erre­gung hält, steht er nicht für die aske­ti­sche Ver­zichts­hal­tung, denn er schreibt den Sinnen eine große Bedeu­tung zu.

Das höchste Gut sei die Ata­ra­xie“ (grie­chisch), ein Gefühls­zu­stand der uner­schüt­ter­li­chen See­len­ruhe“, vor allem gegen­über äuße­ren Schick­sals­schlä­gen. Klingt schon ver­däch­tig nach Resi­li­enz. Epikur ver­suchte stets, sich auch vom Übel die posi­ti­ven Aspekte vor Augen zu halten.

Stoa: Durch Ver­nunft zum Glück

Die letzte phi­lo­so­phi­sche Per­spek­tive der Antike, die wir uns angu­cken, ist die Stoa. In ihrem Mit­tel­punkt steht die Ver­nunft, die Tugend und die Affekt­be­herr­schung (Adia­phora.) Diese Kom­po­nen­ten sollen dem Men­schen Glück­se­lig­keit brin­gen. Tugend­haf­tes, ver­nünf­ti­ges Han­deln wird hier­bei aller­dings nicht wie bei Aris­to­te­les den Struk­tu­ren der Gemein­schaft unter­ge­ord­net, son­dern denen der Natur. Da nur die Natur durch gött­li­che Ver­nunft bestimmt werde, sei der­je­nige ver­nünf­tig, der mit ihr lebt. 

Lei­den­schaf­ten, Begierde und Triebe müssen nach der Stoa unter­drückt werden, um zur Glück­se­lig­keit zu kommen. Denn durch Abwe­sen­heit der Affekte und dadurch Gleich­gül­tig­keit gegen­über Äußer­lich­kei­ten, könne man zwi­schen Impuls und Aus­füh­rung die Ver­nunft ein­schal­ten und tugend­haft han­deln.

Macht das Stre­ben nach Glück unglück­lich?

Nun, wo wir uns ein wenig mit dem Glück beschäf­tigt haben, ist das eine berech­tigte Frage. Denn nur weil man sich mit einem Thema aus­ein­an­der­setzt, heißt das ja nicht, dass man ihm in der Praxis näher kommt. Im Gegen­satz, sagt Georg Römpp, der in seinem Buch die Nütz­lich­keit der Glücks­vor­stel­lung unter­suchte. Er kommt zu dem Schluss, dass das Stre­ben nach Glück alles andere als nütz­lich sei. 

Denn durch eine Glücks­vor­stel­lung ver­glei­che der Mensch sein Leben mit denen der ande­ren und beginne es zu messen. Dadurch ver­all­ge­mei­nere er das Leben zu stark und ver­löre den Kon­takt mit dem Wirk­li­chen und Indi­vi­du­el­len. Der glücks­stre­bende Mensch schreibe dem Glück ein star­res Bild zu, dass er ver­krampft zu errei­chen ver­sucht und gefährde damit seine Frei­heit. Denn am Ende stam­men diese Vor­stel­lun­gen aus Tra­di­tio­nen, von ande­ren Men­schen — nicht von uns selbst. Je mehr wir dem Glück hin­ter­her rennen, desto weiter würden wir uns von ihm ent­fer­nen. Ist Römpps Stand­punkt berech­tigt?

Die Vor­stel­lung vom Glück kann nicht fle­xi­bel sein

Das Argu­ment von Römpp, wir ver­lö­ren Kon­takt mit dem Wirk­li­chen und Indi­vi­du­el­len, klingt erst mal abs­trakt. Stel­len wir es uns so vor: Wir gehen mit unse­rer eige­nen Glücks­vor­stel­lung durch die Welt und kate­go­ri­sie­ren dabei die Dinge, die uns begeg­nen, danach. Ah, die Bahn kommt pünkt­lich, das macht mir Freude.“ Oder Mein Freund hat für mich gekocht, das kann ja nur ein schö­ner Abend werden.“. Doch Dinge, die aus diesem Raster raus­fal­len, weil wir sie ent­we­der als nega­tiv ein­stu­fen oder gar nicht erst bemer­ken — und diese Dinge gehö­ren genauso zum Leben dazu! — spie­len in unser Glück“ nicht rein.

Viel­leicht denkst du jetzt: Mir ist doch klar, dass Glück für jeden etwas ande­res ist.“ Doch wir können nie ganz aus unse­rer Rolle, unse­rer Sozia­li­sa­tion raus­tre­ten. Wir können nicht objek­tiv sein, egal wie sehr wir es pro­bie­ren. Dass wir eine starre Glücks­vor­stel­lung haben, heißt nicht gleich, dass wir uns Haus, Kinder und einen gut bezahl­ten Job wün­schen. Eine Glücks­vor­stel­lung ist von Natur aus starr. Denn wir wollen immer zu diesem glück­li­chen Zustand kommen, am besten dau­er­haft. Selbst wenn das Wie nicht defi­niert ist, ist das Glücks­stre­ben starr. Denn egal was uns im Leben begeg­net, wir werden es auto­ma­tisch ein­ord­nen. Bringt mich das näher zum Glück? Oder ent­fernt es das Glücks­ge­fühl von mir?

Ist lang­fris­ti­ges Glück gleich Zufrie­den­heit?

Aber, geht das über­haupt, nicht nach dem Glück zu stre­ben? In einem Alltag, in dem in großen Teilen für unsere Sicher­heit gesorgt ist und all­täg­li­che Sorgen recht klein sind, fangen wir da früher oder später nicht an, uns nach Sinn und Glück umzu­gu­cken? Was wäre die Alter­na­tive — ein lethar­gi­scher All­tags­trott?

Doch Freude an ange­neh­men Gefüh­len zu haben, ist etwas ande­res, als aktiv zu ver­su­chen, das Glück lang­fris­tig bei sich zu halten. Denn Glück ist immer tem­po­rär. Man kann es nicht fangen. Wäre das Glück immer da, wäre es kein Glück. Denn es ist immer ein Hoch­ge­fühl und das muss in Rela­tion zu etwas stehen. Spre­chen wir von einem all­ge­mei­nen, brei­ten, posi­ti­ven Gefühl, trifft das eher die Zufrie­den­heit. Und Zufrie­den­heit ist nicht situa­tiv. Wir sind nicht in einem Moment mehr zufrie­den, als im ande­ren. Denn sie ent­wi­ckelt sich erst, wenn wir einen Schritt zurück gehen und unser Leben in all­ge­mei­ner Form betrach­ten.

Ist das Stre­ben nach Glück — nach etwas, was per Defi­ni­tion nur eine Moment­auf­nahme ist — also nicht ziem­lich absurd?

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Wie das Glück ver­scheucht wird

Das aktive Stre­ben nach Glück hat noch einen Nach­teil. Hast du schon mal gehört, was der Flow-Zustand ist? Nach Psy­cho­loge Mihály Csíks­zent­mi­há­lyi ist das ein Zustand, in dem wir die Zeit ver­ges­sen, uns ganz der Tätig­keit hin­ge­ben und zu genau dem rich­ti­gen Grad gefor­dert werden, dass uns nicht lang­wei­lig wird, aber auch keine Frus­tra­tion auf­kommt. Dieser Zustand soll groß­zü­gig dazu bei­tra­gen, ob ein Mensch sein Leben als glück­lich oder weni­ger glück­lich bewer­tet. Jemand kann zum Bei­spiel wäh­rend der Fließ­band­ar­beit in Flow kommen, einer Schach­par­tie oder auch durch krea­tive Arbeit. Doch was sie gemein­sam haben, ist, dass nie­mand dabei denkt: Wow, macht mir das Freude.“ Viel­leicht für einen kurzen Moment, doch dann wird man auch schon aus dem Zustand heraus geris­sen. Denn per Defi­ni­tion geht es ja darum, an nichts ande­res zu denken und in der Akti­vi­tät zu ver­sin­ken. Übri­gens ähn­lich wie beim Medi­tie­ren: Sobald du bemerkst, dass du kom­plett in den Moment ein­ge­taucht bist, ist der Zauber auch schon weg.

Der Nega­ti­vi­täts­bias

Es liegt in der Natur des Men­schen, die nega­ti­ven Dinge genauer in Erin­ne­rung zu halten, als die posi­ti­ven. Früher war das nütz­lich, wenn wir ein Auge auf Gefah­ren haben muss­ten und jede Infor­ma­tion poten­ti­ell unser Über­le­ben sichern konnte. Doch heute ist das unprak­tisch für unsere men­tale Gesund­heit und unser Glücks­emp­fin­den. Könnte es auch bedeu­ten, je wacher wir durch den Alltag gehen, nach klei­nen Glücks­mo­men­ten Aus­schau halten, desto mehr fallen uns auch die nega­ti­ven Dinge auf? Haben wir eine Glücks­vor­stel­lung — und das ist wie bereits erläu­tert – kaum zu ver­mei­den, kann schließ­lich auch schnell etwas aus unse­rer Vor­stel­lung raus­fal­len. Man könnte auch sagen, wir sind schnel­ler ent­täuscht. Wie wenn man den per­fek­ten Abend geplant hat und dann ver­brennt das Essen. Im Nor­mal­fall wäre das ärger­lich, doch wenn wir schon eine Vor­stel­lung vom Abend hatten, macht uns der Vor­fall noch ver­är­ger­ter.

Die Alter­na­tive zum Glücks­stre­ben

Doch was bedeu­tet das nun für uns? Dass wir gar nicht erst ver­su­chen sollen, ein glück­li­ches Leben zu führen? An dieser Stelle brin­gen wir noch einmal die Zufrie­den­heit ins Spiel. Wahr­schein­lich meinen sogar viele Men­schen ein zufrie­de­nes Leben, wenn sie von Glück spre­chen. Zufrie­den­heit ist auf dem Boden geblie­ben, sie nimmt auch mal ein ver­brann­tes Essen hin oder eine Kün­di­gung. Es ist kein Hoch­ge­fühl, son­dern etwas klei­nes, warmes in uns drin, das wir aber erst so rich­tig ent­de­cken, wenn wir den Blick aufs große Ganze rich­ten.

Viel­leicht über­denkst du jetzt noch mal deine Neu­jahrs­vor­sätze oder stellst das Selbst­hil­fe­buch zurück ins Regal. Denn Zufrie­den­heit kommt nicht, weil man die per­fekte Mor­gen­rou­tine hat oder ein Dank­bar­keits­jour­nal führt. Sie kommt bestimmt auch nicht, weil man alles erdenk­li­che tut, um sich Kon­trolle über das Leben vor­zu­spie­len. Wie genau sie kommt, das können auch wir nicht ver­ra­ten. Aber sich nicht mehr stän­dig zu fragen, ob man denn schon bei ihr ange­kom­men ist, ist ein guter Anfang.


Die Pod­cast­folge zum Arti­kel:

Der 7Mind Pod­cast mit René Träder · Vom Sinn und Unsinn des Glücks
**** Bild: Kylie Paz auf Uns­plash