von Car­lotta Koroll

Phy­si­cal Dis­tan­cing wäh­rend Corona

Unser sozia­les Leben hat in den letz­ten Mona­ten eine Trans­for­ma­tion durch­lau­fen: Die Kol­le­gen sehen die meis­ten von uns nur noch über Videochat, Drau­ßen sind wir nur noch mit gutem Grund unter­wegs und wenn, dann höchs­tens zu zweit und mit 1,5 Meter Abstand. Was macht das mit unse­rem geis­ti­gen und kör­per­li­chen Wohl­be­fin­den? In diesem Arti­kel wollen wir genau das heraus finden.

Dafür werfen wir einen Blick nach Japan, zu den soge­nann­ten Hiki­ko­mo­ris: Indi­vi­duen der Gesell­schaft, die sich frei­wil­lig für die totale Iso­la­tion in der eige­nen Woh­nung ent­schei­den – und das meist jah­re­lang. Was sind ihre Beweg­gründe und die Aus­wir­kun­gen davon?

Außer­dem wollen wir her­aus­fin­den, wel­chen Effekt Berüh­run­gen auf unsere Gesund­heit haben. Kann zwi­schen­mensch­li­che Nähe auch ohne phy­si­sche Anwe­sen­heit auf­ge­baut werden? Wir zeigen dir, was die For­schung zu sagen hat. Aber zuerst eine kleine Reise nach Japan.

Hiki­ko­mori: Sozia­les Phä­no­men aus Japan

Hiki­ko­mori: Der japa­ni­sche Begriff bedeu­tet so viel wie sich ein­schlie­ßen“ und fand erst­mals im Jahr 1998 Ver­wen­dung. Er bezieht sich einer­seits auf die Men­schen, soge­nannte Hiki­korm­oris, als auch das psy­cho­lo­gi­sche Phä­no­men dahin­ter: Ein Zustand, in dem jeg­li­cher sozia­ler Kon­takt gemie­den wird und man sich für min­des­tens sechs Monate in das eigene Zuhause zurück­zieht.

Das betrifft vor allem die japa­ni­sche Bevöl­ke­rung: Behör­den schät­zen die Zahl der Hiki­ko­mo­ris auf über eine Mil­lion, haupt­säch­lich über vier­zig Jahren und männ­lich. Die eigene Woh­nung, häufig von den Eltern finan­ziert, wir nur noch im Aus­nah­me­fall ver­las­sen. Dabei begibt sich ein Hiki­ko­mori im Durch­schnitt 13 Jahre in die Iso­la­tion. Aber wie kommt es zu dieser radi­ka­len Ent­schei­dung? Warum in die jah­re­lange Iso­la­tion bege­ben?

Woher die frei­wil­lige Iso­la­tion kommt

Was wir zu Pan­de­mie-Zeiten aus gesund­heit­li­cher Moti­va­tion tun, hat für Hiki­ko­mo­ris psy­cho­lo­gi­sche Gründe: Druck von Außen, Gefühle des Ver­sa­gens und eine immer größer wer­dende Scham spie­len häufig eine große Rolle in ihrem Leben. In Stu­dien und Befra­gun­gen fanden Psy­cho­lo­gIn­nen und For­sche­rIn­nen heraus, dass viele Ein­fluss­fak­to­ren auf die japa­ni­sche Gesell­schaft zurück­zu­füh­ren sind. 

So ent­stand wäh­rend der Boom­jahre nach der Nach­kriegs­zeit ein Gesell­schafts­mo­dell, in denen sich Japa­ner ihr Leben lang für ihre Firma auf­op­fer­ten. Dieses Modell sei so ver­in­ner­licht worden als gäbe es keine andere Form der Exis­tenz mehr“, beschreibt Hideo Tsu­jioka, Grün­der der NGO Yu-do Fu, die sich um Hiki­ko­mo­ris küm­mert. Der Druck, nach dem Uni-Abschluss einen guten Job zu bekom­men ist enorm, da das in Japan oft der ein­zige Zeit­punkt für diese Chance ist. Wer diese Chance ver­passt, fühlt sich schnell abge­hängt und wird in der Folge häufig von Ver­sa­gens­ängs­ten geplagt.

Sich über Jahre hinweg in der Woh­nung zu ver­schan­zen ist für viele von uns unvor­stell­bar. Ist Ein­sam­keit eine Ent­schei­dung und wenn ja, wieso soll­ten wir uns dafür ent­schei­den wollen? Das fragte Zeit Campus Nito Souji: Er begab sich ursprüng­lich in die Iso­la­tion, um sich beruf­lich selbst­stän­dig zu machen. Als nach eini­gen Jahren der Erfolg aus­blieb, wuchs die Scham über seinen Lebens­stil immer mehr. Mitt­ler­weile lebt er seit zehn Jahren den Hiki­ko­mori-Lebens­stil, hat seit dem keinen Freund mehr getrof­fen und trotz­dem: Er sagt er sei nicht einsam.

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Die Rolle zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen für unser Wohl­be­fin­den

Bewe­gun­gen wie die der Hiki­ko­mo­ris regen zum Nach­den­ken an und lassen uns über die Bedeu­tung zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen grü­beln. Es gibt etli­che Stu­dien und Unter­su­chun­gen über die Wir­kun­gen von Bezie­hun­gen auf unser Wohl­be­fin­den und unsere Gesund­heit.

So kam Psy­cho­lo­gin Juli­anna Holt-Lun­stadt nach Aus­wer­tung hun­der­ter Stu­dien zu dem Ergeb­nis, dass Ein­sam­keit und ein Mangel an Freund­schaf­ten einen enorm nega­ti­ven Effekt auf unsere Gesund­heit und Lebens­er­war­tung habe – ähn­lich stark wie klas­si­schen Risi­ko­fak­to­ren, wie Über­ge­wicht oder Rau­chen.

Außer­dem wurde erforscht, dass Berüh­run­gen von unse­ren Mit­men­schen nicht nur Stress redu­zie­ren, son­dern auch unse­ren Blut­druck und das Level des Stress­hor­mons Cor­ti­sol ver­rin­gern. Regel­mä­ßige Umar­mun­gen sollen unse­ren Blut­druck fast genauso effek­tiv senken wie Medi­ka­mente. Außer­dem geht der Oxy­to­cin-Spie­gel durch zwi­schen­mensch­li­che Berüh­rung nach oben, wodurch unsere Angst geschwächt und unser Ver­trauen zur ande­ren Person sowie unsere Empa­thie­fä­hig­keit gestärkt wird.

Klingt toll, oder? Aber was bedeu­tet das für die­je­ni­gen von uns, die von der vor­ge­schrie­be­nen phy­si­schen Dis­tanz beson­ders betrof­fen sind? Ein­per­so­nen­haus­halte, Senio­ren und Kinder zum Bei­spiel. Finden wir heraus, ob soziale Kon­takte, auch ohne phy­si­sche Prä­senz, die glei­chen posi­ti­ven Effekte erzie­len können.

Inti­mi­tät jetzt nur noch online – geht das?

Zwi­schen­mensch­li­che Nähe bringt viele posi­tive Erschei­nun­gen mit sich: Selbstof­fen­ba­rung, soziale Unter­stüt­zung und phy­si­sche Berüh­run­gen sind ein paar davon. Aber können wir Inti­mi­tät auch ohne per­sön­li­chen, ana­lo­gen Kon­takt auf­bauen und pfle­gen?

Inter­es­sant ist, dass sich unsere zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen und unsere Kom­mu­ni­ka­tion schon in den letz­ten Jahren und Jahr­zehn­ten sehr stark gewan­delt haben und immer mehr in die digi­tale Welt gerutscht ist. Phy­si­sche Nähe und Face-to-Face Kon­takte werden immer sel­te­ner und in all­täg­li­chen Inter­ak­tio­nen häufig durch digi­tale Kom­mu­ni­ka­tion ersetzt: Die Mail vom Arbeits­kol­le­gen, der im glei­chen Büro sitzt, das Video­te­le­fo­nat mit der Fami­lie oder die Face­book-Gruppe, mit der wir uns über Tipps und Themen aus­tau­schen. Das alles fand vor zwan­zig Jahren noch über andere, häufig ana­loge Wege statt.

Wel­chen Wert die Inter­net-Nähe“ neben der phy­si­schen zwi­schen­mensch­li­chen Inti­mi­tät ein­nimmt, ist noch weit­ge­hend uner­forscht, denn dafür muss man viele ver­schie­dene Ein­fluss­fak­to­ren in Betracht ziehen.

Bewie­sen ist aber, dass zumin­dest gewisse Kon­zepte von Nähe über Tele­fon, Skype und Co. bedient werden können. Das fand Leslie Selt­zer von der Uni­ver­sity of Wis­con­sin in Rahmen eines Expe­ri­men­tes heraus. Alle Teil­neh­mer wurden einer großen Stress­si­tua­tion aus­ge­setzt. Ein Drit­tel von ihnen wurde danach von der Mutter in den Arm genom­men, andere durf­ten sie zumin­dest anru­fen und das letzte Drit­tel ver­brachte die darauf fol­gende Zeit mit Fern­se­hen. Bei den ersten beiden Grup­pen viel der Cor­ti­sol­spie­gel prak­tisch gleich schnell ab, wäh­rend massig Oxy­to­cin aus­ge­schüt­tet wurde. Die Gruppe ohne soziale Inter­ak­tion behielt noch Stun­den nach­her das erhöhte Cor­ti­sol- und damit auch Stress­le­vel. Nähe und Inti­mi­tät können also auch über Dis­tanz hinweg wirken. 

Also ja, für viele Men­schen birgt die aktu­elle Zeit eine große soziale Her­aus­for­de­rung, auf die jeder indi­vi­du­ell reagiert. Wir sind sen­si­bler für Gefühle der Ein­sam­keit, weil uns unsere gewohn­ten sozia­len Kon­takte fehlen und die Umar­mung oder das freund­schaft­li­che Schul­ter­klop­fen fehlt. Aber Dank tech­ni­scher Mit­teln können wir Nähe wei­ter­hin in vielen Facet­ten erle­ben. Sei es durch ein langes Tele­fo­nat mit einem Freund, den vir­tu­el­len Spiel­abend mit der Fami­lie oder eine ein­zel­nes Wie geht es dir gerade?“ über Whats­App.

Und was sagt Hiki­ko­mori Nito Souji zu denen, die unter Social Dis­tan­cing leiden? 

Die Men­schen soll­ten sich schon jetzt über­le­gen, was sie machen wollen, wenn das alles vorbei ist. Darauf kann sich dann jeder freuen, so wie ich mich auf den Tag freue, wenn ich kein Hiki­ko­mori mehr bin. Also: Haltet eure Hoff­nun­gen auf­recht! So wie ich das die letz­ten zehn Jahre gemacht habe.“

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Bild: Kate Trifo auf Uns­plash