Anna Rosen­baum

Ver­ge­bung beginnt bei mir

Die Ver­ge­bung ist kom­plex und bietet viel Spiel­raum für Miss­ver­ständ­nisse und Inter­pre­ta­tion. Sind jedes Ver­hal­ten, jeder Gedanke und jedes Wort in Ord­nung, solange nur jeder von uns ver­ge­ben kann? Müssen wir ver­ge­ben, was uns ver­letzt hat? In einem sind sich viele Wis­sen­schaft­ler einig: Ver­ge­bung geschieht nicht ein­fach so. Wenn wir ver­ge­ben wollen, müssen wir uns dafür ent­schei­den (Ame­ri­can Psy­cho­lo­gi­cal Asso­cia­tion, 2006). Aber warum soll­ten wir das tun? Und wenn wir uns dafür ent­schei­den, wie geht das? 

Wann Ver­ge­bung ins Spiel kommt

Ob wir wollen oder nicht, wir alle erfah­ren ab und zu Unrecht, Ent­täu­schung, Gefühle wie Wut oder sogar Hass oder das Bedürf­nis nach Rache. Hier­bei reicht das Spek­trum von zum drit­ten Mal ver­setzt werden bis hin zu Gewalt oder psy­chi­schem Miss­brauch. Letz­tere beide soll­ten auf jeden Fall mit pro­fes­sio­nel­ler Hilfe ver­ar­bei­tet werden. Für die meis­ten ist es nicht beson­ders ange­nehm, sich damit zu beschäf­ti­gen. Eini­ges davon pas­siert sogar unbe­wusst, sodass wir uns aktiv dazu ent­schei­den müssen, hin­zu­se­hen. Viel­leicht ist das auch ein Grund dafür, dass wir eher mal ver­ges­sen als zu ver­ge­ben. Denn unser Gehirn geht gerne den Weg des gerings­ten Wider­stands.

Also — wenn wir uns unge­recht behan­delt fühlen – und wem geschieht das nicht immer wieder einmal? – dann ent­ste­hen unan­ge­nehme Gefühle. Halten wir dann daran fest oder ver­drän­gen sie, können sie zu klei­nen Sabo­teu­ren werden, die uns immer wieder in die Quere kommen. Sie mischen sich in unser Wohl­be­fin­den ein, rauben uns Ener­gie und beein­flus­sen unsere Bezie­hun­gen.

Nicht nur unser geis­ti­ger Frie­den, auch unser Körper pro­fi­tiert vom Ver­ge­ben. For­schun­gen zeig­ten, dass über­trie­bene Stress­re­ak­tio­nen ver­rin­gert werden, was wieder rum unser Immun­sys­tem und Herz-Kreis­lauf-System schützt (Wort­hing­ton et al., 2007). Es lohnt sich also, unse­rem Groll auf die Spur zu gehen und auch mal zu ver­zei­hen. Aber wie?

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Der Weg der Ver­ge­bung

Wir halten fest: Der Weg zu mehr inne­rer Frei­heit ist die alt­mo­disch klin­dende Ver­ge­bung. Aber sollen wir jetzt jedes Unrecht, das uns wider­fährt, ein­fach ver­ge­ben? Stän­dig zu ver­ge­ben, könnte sich anfüh­len, als würden wir Frei­fahrt­scheine ver­tei­len, uns zu ver­let­zen. Und das kann ja irgend­wie auch nicht rich­tig sein. Um uns einem gemein­sa­men Ver­ständ­nis von Ver­ge­bung zu nähern, schauen wir uns einmal an, was Ver­ge­bung eigent­lich bedeu­tet. Und zwar die Ver­ge­bung, die ehr­lich gemeint ist und nicht nur eine Schub­lade schließt, weil uns der Inhalt nicht gefällt.

Das ist gar nicht so ein­fach, denn allein der Begriff ist ziem­lich wider­sprüch­lich. Den Wort­teil Gebung‘ erken­nen wir sehr schnell. Er kommt von geben“. Tau­chen wir aber noch tiefer in den Wort­stamm von geben“ ein, finden wir heraus, dass das Wort von der Wurzel gëban“ abstammt, was gleich­zei­tig nehmen“ bedeu­tet. Ein rich­ti­ges Para­dox — geben und nehmen gleich­zei­tig. Von den Her­aus­ge­bern eines Wör­ter­buchs wird der Zusam­men­hang so erklärt, dass man etwas zunächst haben muss, um es dann abge­ben zu können. 

Ver­ge­bung könnte als das Anneh­men und Abge­ben unse­rer unan­ge­neh­men Erfah­run­gen und Gefühle betrach­tet werden. Etwas, das wir auch nur für uns tun können. Theo­re­tisch braucht nie­mand anders etwas davon zu erfah­ren. Das klingt erst einmal schön und ein­fach — unan­ge­nehme Dinge abge­ben. Doch vorher kommt noch ein Schritt, der es in sich hat: das Anneh­men. Es kann schmerz­haft sein, der Erfah­rung ins Auge zu bli­cken, sich den Grund für die Ver­let­zung anzu­schauen. Gerade des­halb kann es sehr hilf­reich sein, sich pro­fes­sio­nell beglei­ten zu lassen, wenn man sich dafür ent­schei­det, den Weg der Ver­ge­bung ein­zu­schla­gen.

In der Psy­cho­lo­gie wird Ver­ge­bung ganz klar abge­grenzt von der Akzep­tanz des Unrechts an sich. Es geht also nicht darum, zu erlau­ben, dass dieses Unrecht immer wieder geschieht, son­dern darum, anzu­neh­men, dass es nun einmal gesche­hen ist. Psy­cho­lo­gen der Ame­ri­can Psy­cho­lo­gi­cal Asso­cia­tion for­mu­lier­ten Ver­ge­bung als einen Pro­zess, bei dem sich die Hal­tung und die Gefühle gegen­über dem­je­ni­gen, dem ver­ge­ben wird, ver­än­dern. Anneh­men, dass etwas gesche­hen ist, ohne das Unrecht zu akzep­tie­ren — Das ist ein sehr feiner und doch gra­vie­ren­der Unter­schied. Wäh­rend das eine eine Ohn­macht bedeu­ten kann — ein Recht­fer­ti­gen auch zukünf­ti­gen Unrechts, ermög­licht das andere den Umgang mit etwas, das nicht mehr rück­gän­gig gemacht werden kann. Das Los­las­sen kann eine Frei­heit mit sich brin­gen, die sogar ermög­licht, sich dafür ein­zu­set­zen, dass das Unrecht nicht noch einmal geschieht.

Schluss­end­lich bedeu­tet Ver­let­zung, dass jemand deine Gren­zen über­schrit­ten hat, du mit dem Gesche­he­nen nicht ein­ver­stan­den bist. Zu ver­ste­hen, was genau in dir pas­siert ist, wird dir beim Los­las­sen, aber auch für Erleb­nisse in der Zukunft helfen. Du kannst dich zum Bei­spiel fragen, welche kon­krete Grenze über­schrit­ten wurde und was genau daran so weh tut. Je mehr du dich ver­stehst, desto besser kannst du auch deine großen Emo­tio­nen erken­nen und selbst ent­schei­den, wie du mit ihnen umge­hen möch­test. Außer­dem kannst du durch das Wissen Warn­si­gnale in einer ähn­li­chen Situa­tion erken­nen — und früher deine Gren­zen setzen und diese kom­mu­ni­zie­ren.

Ist Los­las­sen also die Lösung?

Du musst dir selbst ver­ge­ben, dann geht’s dir wieder gut.“ — ganz so ein­fach ist es nicht. Ganz so falsch ist die Aus­sage aber auch nicht. Denn wenn wir lernen, gesche­he­nes Unrecht los­zu­las­sen ohne es zu ver­ges­sen, können wir mit unse­rem Leben sein, so wie es ist — ohne einen Kampf zu kämp­fen, den wir nicht gewin­nen können. Den Kampf gegen etwas, das bereits gesche­hen ist. 

Ver­ge­bung geschieht nicht auf Knopf­druck. Etwas zu ver­ge­ben, kann ein langer Pro­zess sein und muss auch nicht an einem Stück gesche­hen. Viel­leicht kommen wir dem Ver­ge­ben an einem Tag drei Schritte näher und fühlen uns am nächs­ten Tag wieder gefan­gen in unse­rer Wut. Es gehört zu dem Pro­zess dazu, das zuzu­las­sen. Und die Gefühle immer wieder wahr­zu­neh­men, wenn sie auf­tau­chen. Wahr­zu­neh­men und anzu­neh­men. Immer wieder. Es kann auch gut sein, dass wir dabei pro­fes­sio­nelle Unter­stüt­zung brau­chen. Irgend­wann ist es soweit und wir fühlen die Frei­heit der Ver­ge­bung. Viel­leicht machen wir auch danach noch einmal einen Abste­cher zu unse­rer Wut. Mit jedem Mal, das wir das Gefühl der Ver­ge­bung erah­nen können, wird es wahr­schein­lich leich­ter, es länger zu behal­ten. Und wenn wir soweit sind, werden wir in dem befrei­ten Gefühl blei­ben können.

7 Medi­ta­tio­nen, die dich beim Ver­ge­ben beglei­ten:
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Bild: Bewa​koof​.com Offi­cial auf Uns­plash