Oh du fröhliche? Warum wir uns zu Weihnachten stressen

Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit. Oder etwa nicht? Warum wir uns oft mehr gestresst als besinnlich fühlen, schauen wir uns im 1. Teil unseres Weihnachtsartikels an.

von Gastautor Leonard Gabriel Heygster

Weihnachten: Fest der Freude oder des Frusts?

Wer kennt das nicht: Weihnachten steht vor der Tür und man möchte sich natürlich darauf freuen. Aber irgendwie ist da diese Stimme in einem, die eigentlich gar keine Stimme ist, sondern vielmehr ein Gefühl. Ein Gefühl, das sagt: „Dieses Jahr machst du alles anders. Dieses Jahr bereitest du alles rechtzeitig vor. Dieses Jahr wird Weihnachten toll, dieses Jahr wirklich.“

Wir spüren dann möglicherweise ein Gefühl von Enge in der Brust, vielleicht auch nur ganz kurz. Dann zücken wir schnell das Smartphone oder lenken uns mit irgendeinem anderen Gedanken ab. Die Selbstlegitimation schickt uns das Gehirn dankbarerweise direkt hinterher: „Weihnachten ist halt einfach irgendwie stressig“, sagt es uns, als würde es unsere Erwartungen senken wollen.

Ja, die Weihnachtszeit wird oft mit Stress verbunden. Dass das keine subjektive Einzelmeinung ist, belegen wissenschaftliche Studien, wie zum Beispiel im Jahr 2015 das Forscher:innenteam um Michael Mutz von der Universität Göttingen.

Der weihnachtliche Stress ist aber nichts weiter als der Preis für all das Schöne, was Weihnachten zweifelsohne jedes Jahr so wirksam wie kein anderes Fest mit sich bringt, sagt der Vorsitzende des Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, Prof. Dr. med. Arno Deister, im humansarehappy Podcast.

Er hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie die Weihnachtszeit auf das Wohlbefinden von Menschen wirkt. Im humansarehappy Podcast erklärt er die dahinterliegenden Mechanismen und gibt Tipps, wie wir mit der Weihnachtszeit umgehen können, um sie nicht bloß als weniger stressig, sondern um sie als wirklich besinnlich wahrzunehmen.

Weihnachtlicher Erwartungsdruck

Wir neigen oft dazu, hohe Erwartungen an Weihnachten zu haben. Das ist per se auch gar kein Problem. Wenn die eigenen Erwartungen an das Weihnachtsfest und die Weihnachtszeit allerdings unrealistisch hoch sind, dann sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Das lässt sich in gewisser Weise auf das gesamte Leben übertragen, sagt Prof. Deister: „Wir bestimmen unser Wohlbefinden nicht an der Frage: Was ist gut oder schlecht? Es geht oft viel mehr um die eigenen Erwartungen und die Diskrepanz zwischen diesen und der Realität.“ Und eben diese Diskrepanz ist an Weihnachten oft besonders groß.

Unrealistische, idealisierte Erwartungen, die nichts mit dem Weihnachtsfest selbst zu tun haben, sondern mit meinen Erwartungen daran, sind problematisch.

Es geht in der Folge aber wohlgemerkt nicht darum, die eigenen Erwartungen einfach zu senken: Wir sollen keine Zweckspessimist:innen sein. Vielmehr sollen und dürfen wir tolle Erwartungen an das Weihnachtsfest stellen. Das Leben grundsätzlich, aber auch jedes einzelne Jahr besteht aus Höhepunkten und solchen Phasen, die von Anspannung, Entspannung, Druck oder einfachem Alltag geprägt sind. Und Weihnachten kann ein toller Höhepunkt sein, den wir nutzen können, findet Prof. Deister.

Es geht darum, den Mittelweg zu finden zwischen realistischen Erwartungen und möglichen positiven Überraschungen. Es geht nicht nur darum, Enttäuschungen zu vermeiden.

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Das Weihnachtsfest als Brennglas

Allen Menschen wohnt das Bedürfnis nach Nähe inne – und dafür steht das Weihnachtsfest ganz besonders. Darin liegt nicht nur eine Chance, sondern auch ein Risiko, ordnet Prof. Deister ein: Denn wo viele Menschen zusammenkommen, entsteht immer auch Konfliktpotential.

Weihnachten wirke daher wie eine Art Verstärker der eigenen Situation: Wer sich sowieso eher einsam fühlt, bei dem wird das Weihnachtsfest dieses Gefühl wahrscheinlich noch verstärken.

Wenn es hingegen in einer Familie viele unausgesprochene Konflikte gibt, dann kommen diese womöglich gerade an Weihnachten zum Vorschein. Lange gehütete, unter der Decke gehaltene Familiengeheimnisse können so zutage treten.

Hinzu kommt, dass sich manche Menschen gerade an Weihnachten schwieriger aus zwischenmenschlichen Situationen entfernen können – ist die gesamte Familie doch extra wegen Weihnachten zusammengekommen.

Allerdings ist ein als nicht ganz so schön empfundenes Weihnachtsfest in der Regel auch kein Weltuntergang, relativiert Prof. Deister. Schließlich gäbe es noch viele andere Tage im Jahr, an denen wir uns um das eigene Wohlergehen kümmern können. Ein weiterer Trost: Weihnachten kommt jedes Jahr sehr verlässlich wieder.

Das ist der Zwiespalt von Weihnachten: Auf der einen Seite Stress, auf der anderen Seite der Genuss der Befriedigung von ganz speziellen Bedürfnissen, die durch kaum etwas anderes besser befriedigt werden können, als tatsächlich durch das, was an Weihnachten geschieht.

Wenn Weihnachten Depressionen verstärkt

Drastischer wird es, wenn es womöglich nicht nur um unerfüllte Erwartungen geht, sondern eine ernsthafte psychische Erkrankung vorliegt.

Menschen mit depressiven Erkrankungen haben oft ein sehr negatives Bild von sich selbst: ‚Alle anderen schaffen alles mit links, nur ich schaffe das nicht.‘ Dann kommt sehr schnell der Gedanke  auf: ‚Ich habe versagt, noch nicht einmal das kann ich.‘

Eine solche Tendenz kann gerade durch die lange Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest verstärkt werden. Sie kann das Gefühl auslösen, gerade in der Weihnachtszeit „endlich mal etwas gut machen zu wollen oder zu müssen.“ So wird Weihnachten dann zum Anlass, etwas „endlich etwas zu schaffen.“

Es ist ein Plan, der scheitern muss: „Es kann einem Menschen, der eine Depression hat, nicht besser gehen, einfach weil Weihnachten ist." Vielmehr entstehe so eine weitere Belastung, die empfundenes Leid noch verstärken kann.

Man bekommt keine Depression wegen Weihnachten, sondern Weihnachten deckt sie manchmal einfach nur auf.

Das erzwungene Resümee zum Jahresende

Zusätzlich steht mit dem Jahreswechsel kurz nach Weihnachten ein weiteres, wichtiges Datum an, das psychischen Druck auslösen oder verstärken kann, denn viele Menschen neigen dazu, das vergangene Jahr an den Tagen vor Silvester zu bilanzieren.

So kann sich ein sowieso schon negatives Gefühl noch weiter verstärken, ist gerade mit einer Erkrankung das Jahr in der Regel nicht so verlaufen, wie man sich es gewünscht oder erhofft hat.

Gerade deshalb sei es wichtig, nicht nur über Hilfsangebote, wie die Telefonseelsorge oder Begegnungscafés zu informieren, sondern diese auch in Anspruch zu nehmen. Gerade an Weihnachten gäbe es ein großes Angebot an Hilfe, das ist Prof. Deister sehr wichtig zu sagen.

Weihnachten – das Fest der Bedürfniserfüllung

Aber ist Weihnachten wirklich nur von Stress und psychischem Druck geprägt? Mitnichten.

Wir haben uns das Fest sowohl als Gesellschaft, wie auch als individuelle Person in der Form erschaffen, in der wir es auch wahrnehmen, erklärt der Professor. Das wiederum lässt sich mit Bedürfnissen erklären, die jeder Mensch hat. Zum Beispiel nach der bereits erwähnten menschlichen Nähe oder nach Kommunikation. Und solch ein Bedürfnis lässt sich nicht einfach wegdefinieren. Prof. Deister drückt das so aus:

Man kann zwar sagen: ‚Ich brauche kein Weihnachten, Weihnachten ist nicht wichtig für mich.‘ Das heißt aber nicht, dass ich das Bedürfnis dahinter nicht habe. Weihnachten hat eine stark bedürfnisbefriedigende Funktion. Und diese Funktion erfüllt Weihnachten sehr gut. Wir haben ja so hohe Erwartungen an Weihnachten, nicht weil es die Erwartungen nie erfüllen konnte, sondern weil es sehr wohl die Erwartungen immer wieder sehr gut erfüllt.

Da kommen wir dem Kern in der Tat einen Schritt näher: Wer also konstruktiv mit dem eigenen Zwiespalt im Bezug auf die Weihnachtszeit umgehen möchte, sollte sich fragen, wie er oder sie am besten mit den eigenen Bedürfnissen umgeht. Dabei hilft es, sich die Funktion von Weihnachten genauer anzuschauen.

Genau dieser Frage gehen wir nächste Woche nach, im zweiten Teil des Artikels. Dort erwarten dich auch achtsame Tipps, wie du einen gesunden Umgang mit den Erwartungen findest und gelassen durch die Feiertage kommst.


7Mind

humansarehappy ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Entstehung von Wohlbefinden. Im humansareh­appy Pod­cast spricht Leonard Gabriel Heygster alle zwei Wochen mit Vertreter:innen aus den Berei­chen Wis­sen­schaft, Wirt­schaft, Gesell­schaft oder Poli­tik über die Ent­ste­hung von Wohl­be­fin­den, Zufrie­den­heit und Glück.


Foto: Julia Larson auf Pexels

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