7mind-studierende


Von Viola Münch

In dieser Kolumne nehme ich dich mit in mein Prak­ti­kum in einem Moun­tain­bike Hotel in der Tos­kana und meine Gedan­ken und Erfah­run­gen damit. Im ersten Teil habe ich über die Ent­schei­dungs­fin­dung berich­tet. In diesem zwei­ten Teil spre­chen wir übers Ankom­men und im drit­ten Teil dar­über, wie man ins Arbei­ten kommt. Ich freue mich, dass du dabei bist.

Ziele und Fokus um Anzu­kom­men

Wie kann ich im Prak­ti­kum eigent­lich unter­stüt­zen?”, Ich hab doch von alle­dem keine Ahnung.”, War es doch eine fal­sche Ent­schei­dung?”, Was, wenn ich hier nie rich­tig ankomme?”, Viel­leicht sollte ich es sein lassen.”

Kennst du diese Gedan­ken? Ich hatte sie schon lange vor meinem ersten Prak­ti­kums­tag. Da ich aller­dings die Fragen Was will ich wirk­lich” und Was kann ich geben” aus Teil 1 meiner Kolumne sehr ehr­lich beant­wor­tet habe, fiel es mir rela­tiv leicht aus diesen Gedan­ken her­aus­zu­kom­men. Denn diese Basis hat mir Ver­trauen in meinen Weg gege­ben. Ich konnte diese destruk­ti­ven Gedan­ken als Angst vor der Her­aus­for­de­rung” erken­nen und in Vor­freude auf mein Wachs­tum und einen Sommer in Ita­lien umwan­deln.

Dies ist mir vor allem dadurch gelun­gen, mir die Ziele und Wün­sche für mein Prak­ti­kum auf­zu­schrei­ben, um so einen klaren Fokus zu haben:

Trotz allem habe ich mich am Anfang ver­lo­ren gefühlt: Fremde Spra­che, andere Arbeits­kul­tur und Her­an­ge­hens­wei­sen, viele Ein­drü­cke und noch keine Ahnung, wo mein Platz ist und sein wird. Ich wusste bereits im Vor­feld, dass dieser Anfangs-Struggle Teil der Erfah­rung ist, die ich machen möchte. Es sind genau diese Momente, die mich wach­sen lassen. 

Ich habe mir selbst die Zeit gege­ben, mich auf die Kultur und die neue Umge­bung ein­zu­stel­len und mir zuge­stan­den, mich ver­lo­ren fühlen zu dürfen. Denn das bringt mich dazu, viel inten­si­ver dar­über nach­zu­den­ken, wer ich sein möchte und die Offen­heit der Situa­tion gibt mir den Hand­lungs­spiel­raum, genau das umzu­set­zen.

Viel­leicht kennst du das: Wenn du umziehst, neue Men­schen ken­nen­lernst oder Reisen bist — durch die neuen Ein­flüsse ent­deckst du neue oder andere Seiten an dir. Alles, was du bis dahin dach­test, wer du bist, erwei­tert sich. Um mir diese Zeit zu erleich­tern, habe ich die großen Ziele für mein Prak­ti­kum auf Wochen- und Tages­ziele run­ter­ge­bro­chen. So hatte ich einen Weg­wei­ser, der mich ins Hier und Jetzt und ins Han­deln gebracht hat. Vor allem war ich jeden ein­zel­nen Tag dank­bar dafür, hier sein zu können — in der wun­der­schö­nen Tos­kana, umge­ben von wun­der­vol­len Men­schen und das inmit­ten meiner größ­ten Lei­den­schaft, dem Moun­tain­bi­ken.

selbstzweifel-ueberwinden


Wenn das Leben andere Pläne für dich hat

Gerne hätte ich an dieser Stelle erzählt, dass die erste Struggle-Zeit vor­über ist und damit bei­spiel­ge­bend bewie­sen, dass mein Umgang mit Gedan­ken­spi­ra­len und Gewohn­hei­ten erfolg­reich war — so der Plan. Dieser Plan wurde genauso durch­kreuzt, wie der für mein Prak­ti­kum. Denn leider ist die Struggle-Zeit nicht vorbei. Sie erstreckt sich nun seit vier Wochen, weil ich mir in der zwei­ten Prak­ti­kums­wo­che das Schlüs­sel­bein beim Moun­tain­bi­ken gebro­chen habe.

Was ist also, wenn trotz der refle­kier­tes­ten und acht­sams­ten Vor­ge­hens­weise nicht alles nach Plan läuft? Was ist, wenn die Saison voll am laufen und man selbst voller Taten­drang ist, aber die nega­ti­ven Gedan­ken von vor dem Prak­ti­kum wahr werden könn­ten: Was, wenn ich nie rich­tig ankomme?” und Was kann ich da eigent­lich helfen?” Sind wir ehr­lich: Mit einer sol­chen Ver­let­zung kann man nicht helfen. Schlim­mer: Man ist auf Hilfe ange­wie­sen.

Den­noch hat mich dieser Vor­fall zu keinem Zeit­punkt in ein Loch oder in nega­tive Gedan­ken fallen lassen. Im Gegen­teil: Der Sup­port, den ich erfah­ren habe, hat mich darin bestä­tigt, wie wert­voll und nach­hal­tig es ist, mir mein Prak­ti­kums­platz und mein Umfeld nach meinen Werten aus­zu­wäh­len. Jeden Moment vor dem Unfall bewusst genos­sen zu haben (sogar die letzte Abfahrt 😀), hat mich nichts bereuen lassen. Ich habe diesen Umstand akzep­tiert und war dank­bar, dass ich die Ver­let­zung in Ita­lien und in einem ver­ständ­nis­vol­len Arbeits­um­feld aus­ku­rie­ren darf. 

Mit Blick auf meine erar­bei­te­ten Prak­ti­kums­ziele habe ich außer­dem schnell erkannt, dass ich diese der Ver­let­zung anpas­sen und errei­chen kann. Damit war ich direkt wieder im Game: Zwei Tage nach meinem Unfall habe ich also ver­sucht, das Prak­ti­kum im Rahmen meiner Mög­lich­kei­ten zu gestal­ten: An der Rezep­tion sitzen, Gäste begrü­ßen, Check-In lernen – denn das geht schließ­lich auch mit einem ein­ge­schränk­ten Arm. Ich habe meine Remote-Neben­jobs wei­ter­ge­macht als ob nichts pas­siert wäre – am Note­book sitzen kann man schließ­lich auch mit gebro­che­nem Schlüs­sel­bein. Ich habe noch ein Uni-Block­se­mi­nar belegt – war Pflicht und Online, easy. Und ich schreibe diesen Bei­trag – geht schon alles.

Meine Her­an­ge­hens­weise an das Prak­ti­kum hat mir also auch für diese unge­plante Situa­tion gehol­fen, sie zu akzep­tie­ren, das Posi­tive zu sehen und vor allem an meinem Prak­ti­kum fest­zu­hal­ten, wei­ter­zu­ma­chen. Aber wie acht­sam war das wirk­lich?

Kann ich über­haupt acht­sam arbei­ten?

Ein Freund hat mich gefragt: Was wür­dest du eigent­lich bei einer sol­chen Ver­let­zung machen, wenn du seit Jahren in einem Nine-to-five-Job arbei­ten wür­dest?” Meine (erstaun­lich klare) Ant­wort war: Mich 8 Wochen krank­schrei­ben lassen.” Wenn ich also ehr­lich zu mir bin: Was ich gemacht habe, war ganz und gar nicht acht­sam! Ich habe meinem Körper keine Sekunde die Ruhe gege­ben, die er zum Gesund­wer­den gebraucht hätte.

Nicht zuletzt durch mein Stu­dium sind die Über­gänge zwi­schen Stu­die­ren, Chil­len, Lernen, Freunde, Arbei­ten, Sport, Acht­sam­keit und Bier­trin­ken flie­ßend gewor­den. Ich mag es, dass all das inte­gra­ler Teil meines Lebens ist. Ich mag es, dass dadurch alles was ich tue in Über­ein­stim­mung mit dem ist, wer und was ich bin und sein will. Arbeit ist für mich zu einem ganz­heit­li­chen Lebens­kon­zept gewor­den: Ich bin frei und selbst­be­stimmt. Leben und Arbeit sind für mich nicht mehr zwei Teile, die getrennt betrach­tet werden und die es aus­zu­ba­lan­cie­ren gilt (wie es der Begriff Work-Life-Balance” sug­ge­riert).

Diese Sicht­weise wurde nun her­aus­ge­for­dert. Denn offen­sicht­lich hat dieses Kon­zept nicht dazu geführt, dass ich mir eine Pause nach meinem Unfall zuge­stan­den habe: Muss ich doch zwi­schen Arbeit” und Leben” tren­nen? Ist acht­sa­mes Arbei­ten mit meinem Kon­zept nicht mög­lich?

Wer bin ich, wenn ich (nicht) arbeite?

Ich sei frei und selbst­be­stimmt, habe ich geschrie­ben. Aber wie frei bin ich wirk­lich, wenn ich dann nicht selbst dar­über bestimme, meine Gesund­heit an erste Stelle zu setzen? Ich habe fest­ge­stellt, dass ich im ver­gan­ge­nen Jahr sehr gut gelernt habe, mich selbst zu orga­ni­sie­ren, dis­zi­pli­niert zu sein, meine Zeit zu mana­gen.

Aber meine Vor­stel­lun­gen von Arbeit und das Stu­die­ren­den-Leben erfor­dern mehr als das. Näm­lich auch und vor allem, dass ich die­je­nige sein muss, die für sich selbst ein­steht. Ich muss Raum für meine Bedürf­nisse schaf­fen, um meine Frei­heit zu wahren. Das Ein­zige”, das ich dafür tun muss — und da liegt die Ver­ant­wor­tung kom­plett bei mir — ist, meine Bedürf­nisse zu erken­nen, klar zu kom­mu­ni­zie­ren, etwas ein­zu­for­dern und dann auch die Hilfe anzu­neh­men, die mir ange­bo­ten wird — mir fällt das ehr­lich gesagt ziem­lich schwer. 

Aber seit ich damit begon­nen habe, habe ich ein­drucks­voll erfah­ren, dass meine Bedürf­nisse bei einem Arbeits­um­feld, das ich mir nach meinen Werten aus­ge­wählt habe, einen Platz haben und gehört werden. Dass man gemein­sam Lösun­gen finden kann. Außer­dem habe ich wäh­rend der Aus­ein­an­der­set­zung mit diesem Thema erkannt, dass ich acht­sa­mer mit meinen Ener­gie­re­ser­ven umge­hen sollte. 

Arbeit, möge sie noch so sinn­stif­tend, moti­vie­rend und weise gewählt sein, ermü­det und erfor­dert daher Pausen — wenn wir gesund sind und noch mehr wenn wir krank sind. Es geht also nicht darum ein Kon­zept, das für mich funk­tio­niert, in Frage zu stel­len, son­dern darum, wie kon­se­quent ganz­heit­lich ich dieses Kon­zept umsetze.

Für mich hat sich durch diese Situa­tion ein wei­te­res großes Thema eröff­net — und ich glaube es tut unse­rer Gene­ra­tion, uns Stu­die­ren­den, uns Men­schen in einer kapi­ta­lis­ti­schen Welt gut, immer mal wieder inne­zu­hal­ten und sich diese Fragen zu stel­len:

Learnings

Einer­seits (und ich bin sehr dank­bar dafür) lerne ich also gerade, meinen eige­nen Wert und meine Bedürf­nisse nicht an die letzte Stelle zu setzen. Ande­rer­seits bin ich vier Wochen nach meinem Prak­ti­kums­start immer noch nicht rich­tig ange­kom­men. Gleich­zei­tig habe ich bemerkt, dass meine Her­an­ge­hens­weise mir auch in unvor­her­ge­se­he­nen Zeiten hilft. Damit gehe ich opti­mis­tisch in die nächs­ten Wochen und bin mir sicher, dass ich damit end­lich rich­tig ankom­men werde. 

Jede:r von uns, und mag sie oder er noch so reflek­tiert oder acht­sam sein, steht vor Her­aus­for­de­run­gen. Immer und immer wieder. Wich­tig ist die Akzep­tanz und unser acht­sa­mer Umgang mit der Situa­tion — denn nur dann sind wir wirk­lich frei. 

Ich weiß nun, dass ich ein pri­va­tes und beruf­li­ches Umfeld sowie das Mind­set und die Werk­zeuge habe, die mich nicht nur durch diese Zeit kommen lassen, son­dern die mir dabei helfen, sie auf eine beson­dere Weise genie­ßen zu können.

Der Bei­trag steht.. und ich erfahre, dass ich ope­riert werden muss. Ich lese mir nun also selbst den letz­ten Absatz wieder und wieder durch. Und genieße meinen (vor­erst) letz­ten Abend unter klarem Ster­nen­him­mel in Ita­lien. Denn was ist gerade wich­ti­ger?

zukunft-einstieg


Über die Auto­rin: Ich bin Viola, 26 Jahre alt und Mas­ter­stu­den­tin im Stu­di­en­gang Sport­wis­sen­schaft: Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung und Manage­ment” an der Uni Bie­le­feld. Zusam­men mit einem wun­der­ba­ren deutsch­land­weit ver­teil­ten Team an 7Mind Mindfulness-Botschafter:innen darf ich im Rahmen des Campus Coach Pro­gramms Acht­sam­keit und Medi­ta­tion an die Unis und Hoch­schu­len brin­gen.

Bild: Pixabay auf Uns­plash