Ein Gast­bei­trag von Andrea Zschocher von fami​lie​.de

Acht­sam­keit in der Fami­lie

1.000 Dinge zerren an uns, wollen gleich­zei­tig erle­digt werden. Unser Leben ist mit Kin­dern unbe­streit­bar stres­si­ger gewor­den. Das liegt bei man­chen an man­geln­der Unter­stüt­zung, bei ande­ren an logis­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen. Wir hetzen durch den Fami­li­en­all­tag und wün­schen uns doch, es wäre anders. Und das geht ja auch. Wenn wir ein biss­chen mehr auf unsere Kinder achten. Denn Acht­sam­keit in der Fami­lie kann uns dabei helfen, einen ent­spann­te­ren Fami­li­en­all­tag zu leben. Diese sechs Ansätze können uns dabei helfen.

1. Die Zeit ver­ges­sen und im Moment leben

Kinder haben, bis sie im Grund­schul­al­ter sind, keine genaue Vor­stel­lung von Zeit. Sie lernen dieses Kon­zept erst durch uns kennen, weil wir ihre Tage auf­tei­len. Sie ver­in­ner­li­chen den Tages­ab­lauf, haben aber wei­ter­hin keine echte Vor­stel­lung davon, was fünf Minu­ten“ sein sollen. Sie wissen nur, zu einer bestimm­ten Zeit sollen sie auf­hö­ren zu spie­len. Das Ver­schwen­den von Zeit im aller­bes­ten Wort­sinn, das soll­ten wir Eltern ab und zu über­neh­men.

Im Moment leben
Ein­fach im Moment leben, so wie unsere Kinder, das ent­schleu­nigt und gibt neue Ideen und Ener­gie. Es stärkt die Resi­li­enz der Kinder und wird auch eure stär­ken, wenn ihr euch darauf ein­lasst. Wir müssen, auch wenn sich das oft so anfühlt, nicht jede Sekunde des Tages mit Tun füllen, es gibt nicht immer noch etwas zu opti­mie­ren. Manch­mal dürfen wir auch ein­fach sein. Im Moment.
Der Weg von der Arbeit zur Kita oder Schule bietet sich dafür an. Ein­fach nicht noch neben­bei irgend­was erle­di­gen. Steigt eine Sta­tion vor der eigent­li­chen Hal­te­stelle aus, parkt das Auto so, dass ihr zum Abhol­ort ein wenig laufen müsst.
Und dann lauft los, ohne Hast (ist als Eltern nicht immer ein­fach, das wissen wir alle) und seid ein­fach in dem Moment, in der Vor­freude auf euer Kind. Ver­sucht für wenige Minu­ten nicht daran zu denken, was alles noch auf eurer To-Do-Liste steht. Diese kurze Zeit­spanne, die gehört nur euch. Atmet durch. Genießt das.

2. Prio­ri­tä­ten haben, denn Acht­sam­keit bedeu­tet, einen Fokus zu setzen

Die schon ange­spro­che­nen To-Do-Listen sind oft nur eine Anein­an­der­rei­hung von Dingen, die erle­digt werden müssen. Aber eine Prio­ri­tät haben sie nicht, alles scheint immer gleich wich­tig zu sein. Unsere Kinder sind in ihren Prio­ri­tä­ten viel klarer. Als Babys wird durch Weinen signa­li­siert, ob sie Hunger haben, Nähe oder eine fri­sche Windel brau­chen. Eines dieser Bedürf­nisse hat eine klare Prio­ri­tät und es liegt an uns, diese zu erken­nen, weil unser Nach­wuchs das noch nicht verbal ver­mit­teln kann. Aber die Prio­ri­tät ist ganz klar da.
Später heißt es dann: Pile­platz, etz“ und wir gehen mit ihnen raus. Neben den Grund­be­dürf­nis­sen können Kinder sehr gut ein­schät­zen, was ihnen in wel­cher Situa­tion wich­tig ist. Sie kennen, anders als wir, kein Neben­her von Bedürf­nis­sen. Es ist für sie nicht alles gleich wich­tig, ein Wunsch ist immer der drän­genste.

Acht­sam­keit bedeu­tet Fokus setzen
Und das soll­ten wir für unse­ren Alltag auch über­neh­men. Es sind nicht alle Auf­ga­ben gleich wich­tig und wir können sie sowieso immer nur nach­ein­an­der abar­bei­ten. Nehmt den Druck raus und fokus­siert euch auf die eine Ange­le­gen­heit. Viel­leicht stellt ihr auch fest, dass gar nicht alles in eurem Leben eine Her­aus­for­de­rung ist, die ihr meis­tern müsst. Man­ches sind ein­fach nur (läs­tige) Auf­ga­ben, die abge­ar­bei­tet werden müssen.
Andere Dinge erle­di­gen sich auch ganz von alleine. Und wenn dem so ist, dann haben wir mehr Zeit unser Leben mit den Momen­ten zu füllen, auf die es wirk­lich ankommt. Manch­mal kann das ein Besuch auf dem Spiel­platz sein.

3. Fragen stel­len, denn auch durch sie könnt ihr mehr Acht­sam­keit erlan­gen

Warum ist Schnee kalt? Wieso hebt der Hund sein Bein? Wie funk­tio­niert ein Tele­fon? Kinder haben unfass­bar viele Fragen. Das kann uns Eltern manch­mal an den Rand der Ver­zweif­lung brin­gen, weil wir ja auch nicht alle Ant­wor­ten kennen. Aber es kann uns auch als Vor­bild dienen, selbst immer neu­gie­rig zu blei­ben.
Denn die Lust daran, Neues zu lernen, die hat viel mit Acht­sam­keit zu tun. Um Fragen zu stel­len, muss man den Kopf frei haben, müssen die Gedan­ken die Mög­lich­keit haben, zu wan­dern. Es hat viel mit Muße zu tun, wenn wir uns wieder Fragen stel­len.

Mit Fragen zu mehr Acht­sam­keit
Auf die meis­ten gibt es oft keine ein­fa­che Ant­wort, aber so, wie ihr mit euren Kin­dern dar­über phi­lo­so­phie­ren könnt, was nach dem Tod pas­siert, so könnt ihr auch immer wieder dar­über nach­den­ken, was ihr von eurem Leben wollt. Es ist eures, ihr habt es in der Hand und dürft es jeden Tag neu gestal­ten.
Dafür müsst ihr offen sein und nicht immer an die Zwänge denken, die euch in bestehen­den Situa­tio­nen halten. Wenn wir uns erlau­ben, mit Zeit und Muße Fragen zu stel­len, dann öffnen sich immer wieder auch neue Wege und Ideen nehmen Gestalt an.

4. Zeit nehmen um gelas­se­ner zu werden

Klingt ein biss­chen para­dox, erst sollt ihr die Zeit ver­ges­sen und dann sollt ihr sie euch plötz­lich nehmen und darauf achten. Aber beides ist wich­tig. Zeit nehmen kann euch dabei helfen, gelas­se­ner zu werden. Wir Eltern kennen doch alle diese Situa­tio­nen, in der wir am liebs­ten aus der Haut fahren würden. Weil Alles zu viel ist, nichts klappt wie geplant und wir ein­fach keine Geduld mehr haben. Im schlimms­ten Fall explo­die­ren wir dann, motzen die Kinder oder unseren Part­nerin an und die Stim­mung ist für alle im Keller.
Ein Tipp aus der Acht­sam­keits­lehre ist, sich Zeit zu nehmen, bis zu einer belie­bi­gen Zahl zu zählen und dabei tief ein und aus­zu­at­men. Das klingt in der Theo­rie so gut, aber in der Praxis atmen wohl fast alle Eltern ange­strengt durch die zusam­men­ge­bis­se­nen Zähne und werden kein Stück locke­rer. Die Wut ist ein­fach wei­ter­hin da.

5. Stress ver­hin­dert Acht­sam­keit

Ein Tipp der helfen kann: Denkt an eure Kinder, die sich oft minu­ten­lang nicht ent­schei­den können, was sie wollen. Nervt auch manch­mal, aber sie zeigen euch damit, dass es ok ist, sich Zeit zu nehmen. Auch hier können wir viel von unse­ren Kin­dern lernen.
Kaum eine Ent­schei­dung muss sofort getrof­fen werden. Es ist voll­kom­men okay, sich Zeit zu lassen und erst dann zu reden, wenn eure Wut ver­raucht ist. Und wenn ihr merkt, ihr begebt euch in eine hit­zige Debatte, dann ist es voll­kom­men in Ord­nung zu sagen, dass jetzt nicht der rich­tige Zeit­punkt dafür ist.
So, wie eure Kinder sich Zeit nehmen um zu ent­schei­den, ob Schoko- oder Erd­beer­eis in die Waffel kommt, so dürft ihr ent­schei­den, ob ihr gerade in der Ver­fas­sung für Streit, Gemotze oder Geme­cker seid. Mit weni­ger Stress könnt ihr euch als Fami­lie wieder lie­be­vol­ler begeg­nen.

6. Ein­fach akzep­tie­ren, denn Akzep­tanz ist der Schlüs­sel

Akzep­tanz ist natür­lich der Königs­weg in der Acht­sam­keit. Und ganz oft so schwer zu errei­chen. Situa­tio­nen anneh­men wie sie sind, hin­neh­men, dass wir nichts ändern können, das fällt uns Eltern oft schwer. Unse­ren Kin­dern geht es da nicht anders, das ist die eine Sache, die wir in Bezug auf Acht­sam­keit teilen. Hier können wir unse­ren Kinder durch Vor­le­ben helfen zu einem har­mo­ni­sche­ren Fami­li­en­le­ben bei­zu­tra­gen.
Akzep­tanz bedeu­tet übri­gens nicht, dass wir lächelnd alles ertra­gen. Aber es heißt, dass wir manche Ver­hal­tens­wei­sen bei uns und andere als das nehmen, was sie sind, Aus­drü­cke indi­vi­du­el­ler Per­sön­lich­keit.

Akzep­tanz ist der Schlüs­sel zu Acht­sam­keit
Das gelingt nicht immer, es fällt oft unglaub­lich schwer ein­zu­se­hen, dass manche Sachen in diesem Moment nicht geän­dert werden können. Aber für alle, die an sich arbei­ten wollen, um gelas­se­ner zu werden, ist Akzep­tanz der Schlüs­sel. Es ist näm­lich ok auch mal wütend zu sein und Gefühle raus­zu­las­sen.
Wir soll­ten groß­zü­gi­ger mit uns sein und uns selbst so wert­schät­zen, wie wir sind. Nicht per­fekt, aber immer bemüht. Und wel­ches Kind braucht schon makel­lose Eltern, wenn es dafür authen­ti­sche haben kann?

Meine Mei­nung

Ich finde Acht­sam­keit ein span­nen­des Lebens­thema, nicht erst seit es Mode gewor­den ist, sich damit zu beschäf­ti­gen. Ich mache seit vielen Jahren Yoga (und hab den per­fek­ten Flow für mich noch immer nicht gefun­den), ich medi­tiere gemein­sam mit meinen Kin­dern. Und ich merke, wie gut das gemein­same Run­ter­kom­men uns tut. Meine Kinder fragen tat­säch­lich regel­mä­ßig nach, machen es sich auf MEINEM Medi­ta­ti­ons­kis­sen bequem und gehen auf Traum­reise.
Bin ich des­we­gen gelas­se­ner im Alltag? Kommt auf die Situa­tion an. Habe ich Stress, motze ich natür­lich auch. Ist alles im Flow kann ich über vieles hin­weg­se­hen und unser Fami­li­en­all­tag ist tat­säch­lich sehr ent­spannt. Aber seien wir ehr­lich, das ist die Aus­nahme, nicht die Regel.


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Bild: Ketut Subiyanto auf Pexels