Car­lotta Koroll

Digi­tale Medien bewusst nutzen

Es ist keine Frage, dass die Nut­zung von digi­ta­len Mit­teln und Medien immer stär­ker zunimmt. Schon vor der Pan­de­mie konnte man das beob­ach­ten: Acht­jäh­rige, die im Bus am Handy kleben oder das Phan­tom-Klin­geln“ des eige­nen Smart­pho­nes.

Im Durch­schnitt ent­sperrt ein Smart­phone-Nutzer 53 Mal am Tag den Bild­schirm. Bei acht Stun­den Schlaf ent­spricht das einer Ablen­kung alle 18 Minu­ten. Unser Ver­hal­ten bleibt nicht ohne Kon­se­quen­zen: Eine Über­sichts­ar­beit aus 23 Stu­dien deutet darauf hin, dass unge­sunde Smart­phone-Nut­zung Depres­sio­nen und Angst begüns­tigt — was wie­derum die Ent­wick­lung einer Abhän­gig­keit leich­ter macht.

In diesem Arti­kel gucken wir uns an, wie das Handy unser täg­li­ches Leben beein­flusst. Denn so ganz ohne es, können und wollen die wenigs­ten den Alltag beschrei­ten. Wenn uns der Konsum scha­det, aber die Rück­kehr ins ana­loge Zeit­al­ter nicht die Lösung ist, wie kommen wir dann zur gol­de­nen Mitte?

Das Smart­phone lenkt uns vom Wesent­li­chen ab

Wir sehen, dass wir eine Nach­richt erhal­ten haben, wollen nur kurz ant­wor­ten und schwups sind drei­ßig Minu­ten um (und wir auf der Face­book­seite Echt lus­tige Tiere“ ange­kom­men). Dabei woll­ten wir doch die Zeit nutzen, um die Woh­nung zu putzen (oder die Steu­er­er­klä­rung zu machen oder oder) und sind wieder aus der realen in die digi­tale Welt geso­gen worden. 

Die Gren­zen­lo­sig­keit des Inter­nets in der Hosen­ta­sche zu haben, ist nunmal eine große Ver­su­chung. Tat­säch­lich sind Kat­zen­vi­deos und der Ins­ta­gram-Feed aber nicht der ein­zige Weg, wie uns das Handy die Kon­zen­tra­tion raubt.

In einem Expe­ri­ment wurden Pro­ban­den Auf­ga­ben gestellt, die ihr Arbeits­ge­dächt­nis und die fluide Intel­li­genz, sprich ihr logi­sches Denken, tes­te­ten. Dabei lag das Smart­phone bei einem Teil der Gruppe auf dem Schreib­tisch, beim zwei­ten Drit­tel in der Tasche und die letzte Gruppe ließ es kom­plett in einem ande­ren Raum. Das Ergeb­nis zeigte nied­ri­gere Leis­tun­gen bei den ersten beiden Grup­pen. Die Gruppe ohne Handy im Raum schnitt deut­lich besser ab.

Unser Smart­phone ver­rin­gert unsere Kon­zen­tra­tion also sowohl durch akti­ves Ablen­ken unse­rer­seits, als auch die reine Prä­senz im Raum. Wollen wir uns wirk­lich kon­zen­trie­ren, soll­ten wir es des­halb wenigs­tens aus unse­rem Blick­feld ver­ban­nen. Pro­biere es selbst aus — fühlst du dich nicht gleich fokus­sier­ter?

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Soziale Medien schen­ken uns Aner­ken­nung

Die wohl belieb­teste Beschäf­ti­gung mit dem Handy sind die sozia­len Medien. Immer­hin ermög­li­chen uns Ins­ta­gram, Whats­App, Face­book und Co., stän­dig mit jeder x-belie­bi­gen Person in Kon­takt zu treten. Sei es die Freun­din in Aus­tra­lien oder jeman­den, den wir noch nie getrof­fen haben. Durch gemein­same Inter­es­sen und Werte kann man sich so schnell und ein­fach ver­net­zen, wie nie. Das kann nicht nur im Pri­va­ten, son­dern natür­lich auch im Beruf sehr berei­chernd sein. 

Doch wie beein­flusst das unsere Bezie­hun­gen mit den Men­schen im unmit­tel­ba­ren Umfeld? Dass wir wäh­rend des Spa­zier­gan­ges mit dem Freund das Handy vibrie­ren spüren und es dar­auf­hin manch­mal auch in die Hand nehmen, schnei­det die Inter­ak­tion kurz­zei­tig ab. Durch die Unter­bre­chung kann — wenn auch unbe­wusst — die gegen­sei­tige Wert­schät­zung ange­kratzt werden. Zum Aus­gleich wird wie­derum vom ande­ren häufig das Smart­phone aus­ge­packt — immer­hin ist dies nun die nächste wahr­schein­li­che Quelle für soziale Aner­ken­nung. Und schon sind wir in einem Kreis­lauf, der ent­ge­gen der eigent­li­chen per­sön­li­chen Bezie­hung läuft. Das denkst du dann zwar nicht bewusst, aber beob­achte dich einmal selbst: Wie reagierst du, wenn die andere Person zum Handy greift? 

Wuss­test du, dass soziale Inter­ak­tion zu einer Aus­schüt­tung von Dopa­min führt? Ent­wick­ler sozia­ler Netz­werke sind sich dem natür­lich bewusst und können es sich Zunutze machen. Ein paar Likes auf Face­book können eine ähn­li­che Reak­tion im Gehirn erzeu­gen, wie ein Kon­takt im echten Leben. Fol­lo­wer und Kom­men­tare werden zur sozia­len Wäh­rung im Netz, wäh­rend sie im echten Leben eigent­lich nichts bedeu­ten. Wenn man sich das so vor Augen führt, ist das ein ganz schön pro­ble­ma­ti­sches Ver­hält­nis, das uns psy­chisch tief beein­flus­sen kann — und uns immer abhän­gi­ger vom Smart­phone macht.

Also gilt auch hier gilt: Allein die phy­si­sche Nähe zum Smart­phone kann uns beein­flus­sen. Des­we­gen scha­det es auch hier nicht, es hin und wieder aus dem Raum zu ver­ban­nen. Und sich statt­des­sen inten­si­ver auf die mensch­li­che Nähe ein­zu­las­sen.

Digi­tal Detox als Anti-Stress Kur

Die schiere Flut an Neu­ig­kei­ten und Nach­rich­ten beein­flusst neben unse­rer Kon­zen­tra­tion und unse­ren Bezie­hun­gen auch unser Stres­semp­fin­den. Egal, ob es die Whats­App-Gruppe mit Freun­den, die glo­ba­len Nach­rich­ten oder der Ins­ta­gram-Feed ist. Unser Gehirn will sämt­li­che Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten und bei zu vielen davon gerät unser Körper in einen Stress­mo­dus.

Kein Wunder, dass der Trend zum digi­ta­len Detox“, also dem bewuss­ten Ver­zicht auf das Smart­phone (oder auch das Tablet und den Rech­ner), schnell gewach­sen ist. Aber hat so ein Detox“ tat­säch­li­che eine lang­fris­tige Wir­kung oder han­delt es sich dabei viel mehr um eine Art Diät, nach der ein Jojo-Effekt ein­tritt?

Tat­säch­lich ist die Stu­di­en­lage zu dem Thema noch nicht sehr weit. Eine Unter­su­chung mit einer klei­nen Stich­probe — die dem­entspre­chend keinen hohen Reprä­sen­ta­ti­ons­wert hat — maß das Stress­le­vel der Teil­neh­mer über ein Arm­band. Sie ver­gli­chen die Werte zwi­schen regu­lä­rer Nut­zung des Handys und Nut­zung ohne Daten­vo­lu­men und WLAN. Wäh­rend des Detox“ ohne Inter­net konnte man ein gerin­ge­res Stress­le­vel messen.

Auf den Trend vom digi­ta­len Entzug sind auch die App-Ent­wick­ler auf­ge­stie­gen: So gibt es mitt­ler­weile — ent­we­der bereits in der Soft­ware des Handys inte­griert oder als App ver­füg­bar — die Mög­lich­keit, die Bild­schirm­zeit auf­zu­zeich­nen und auch zu begren­zen.

Eine Unter­su­chung von jungen Erwach­se­nen ergab, dass 41,7 Pro­zent der Befrag­ten eine solche Funk­tion nutzen. Bei den ande­ren 58,3 Pro­zent konn­ten ein Zusam­men­hand zu pro­ble­ma­ti­scher Han­dy­nut­zung und ein all­ge­mein schlech­te­res Wohl­be­fin­den her­ge­stellt werden. Liegt das tat­säch­lich an der Natur der Digi­tal-Detox-Apps? Oder ist es mög­lich, dass sich Nutzer mit einem pro­ble­ma­ti­schen Ver­hält­nis sel­te­ner zur Mes­sung ihrer Bild­schirm­zeit ent­schlie­ßen? Dieser Frage sollte man durch mehr For­schung nach­ge­hen.

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Einen bewuss­ten Umgang mit dem Smart­phone finden

Ähn­lich wie es sich mit gesun­der Ernäh­rung und Diäten ver­hält, ist es auch beim digi­ta­len Konsum sinn­voll, auf einen nach­hal­tig gesun­den Umgang zu setzen. Statt eine Woche alle Social Media Apps zu löschen, nur um in der nächs­ten alles Ver­passte nach­zu­ho­len, können wir uns fragen, welche Inhalte uns wirk­lich etwas brin­gen.

Welche Grup­pen brauchst du, um deine sozia­len Kon­takte auf­recht zu erhal­ten? Welche Apps öff­nest du nur, weil dir lang­wei­lig ist? Und was hast du wirk­lich mit­ge­nom­men nach einer Stunde auf Ins­ta­gram? Klar, die meis­ten wollen das Smart­phone im Alltag nicht mehr missen — das muss auch nicht sein. Aber die ein oder andere kon­krete Ent­schei­dung, die uns ein­schränkt, kann wirk­lich gut tun — Sei es, eine bestimmte App zu löschen, das Handy zu bestimm­ten Zeiten aus­zu­schal­ten oder es ein­fach mal zuhause zu lassen. Am Ende des Tages han­delt es sich um viele kleine oder große Gewohn­hei­ten. Nicht leicht los­zu­wer­den, aber wenn wir es geschafft haben, fragen wir uns, warum wir es jemals gebraucht haben.

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Hier ein paar kurz­fris­tige Ideen, die dich vom Smart­phone los­lö­sen:

Das Handy unter­stützt uns in all­täg­li­chen Auf­ga­ben, macht es gerade zu Pan­de­mie-Zeiten leich­ter, Nähe zu unse­ren Lieben zu spüren und kann uns jeder­zeit jede erdenk­li­che Frage beant­wor­ten. Wie alles macht auch stän­dige Ver­net­zung in Massen statt in Maßen krank. Wie finden wir die Balance? Manch einer braucht das Smart­phone für die Arbeit, der nächste befin­det sich in einer Fern­be­zie­hung. Eine ein­fa­che Ant­wort gibt es also nicht. Des­we­gen ist ein reflek­tier­tes Ver­hal­ten gefragt: Indem du dich immer wieder ehr­lich hin­ter­fragst — gibt dir das Scrol­len durch den Ins­ta­gram Feed gerade wirk­lich, was du brauchst? — und auch mal Ver­än­de­run­gen in Gang bringst, fin­dest du deine gol­dene Mitte. Und holst so aus dem Smart­phone heraus, was du brauchst — nicht mehr und nicht weni­ger.


Die Pod­cast­folge zum Arti­kel:


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Bild 2: Chris Adamus auf Uns­plash