Siri Fre­ricks

Sci­ence Snack #4:

So wird Medi­ta­tion erforscht

Die Psy­cho­lo­gin Siri Fre­ricks von 7Mind ver­sorgt uns im neuen Format​„Sci­ence Snack“ regel­mä­ßig mit den neu­es­ten Erkennt­nis­sen aus der Wis­sen­schaft — rund um Psy­cho­lo­gie, Acht­sam­keit und Medi­ta­tion.


Medi­ta­ti­ons­for­schung: Raus aus der Nische

Immer mehr Men­schen beschäf­ti­gen sich mit Medi­ta­tion und Acht­sam­keit und erle­ben im eige­nen Alltag die Ver­än­de­run­gen, die uns eine solche Praxis schen­ken kann. Einige brin­gen Medi­ta­tion und Acht­sam­keit noch immer mit Eso­te­rik in Ver­bin­dung. Dabei ist sie schon längst in der Natur­wis­sen­schaft ange­kom­men. In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden bereits über 1200 Stu­dien ver­öf­fent­licht (Quelle:PubMed), die sich auf irgend­eine Art mit Acht­sam­keit oder Medi­ta­tion aus­ein­an­der­set­zen. Das sind durch­schnitt­lich 200 Stu­dien im Monat bezie­hungs­weise 50 Stu­dien pro Woche. Die Ten­denz ist dabei ein­deu­tig stei­gend.

Aber was ist Medi­ta­ti­ons­for­schung über­haupt? Wie funk­tio­niert sie? In dieser Aus­gabe des Sci­ence Snacks soll es genau darum gehen. Ich gebe dir Ein­bli­cke in ver­schie­dene Stu­di­en­de­signs, damit du leich­ter nach­voll­zie­hen kannst, wie solche (natur-)wissenschaftlichen Stu­dien eigent­lich ablau­fen und wie sie Ergeb­nisse her­vor­brin­gen. Da dieses Format ein Snack blei­ben und kein Mehr-Gänge-Menü werden soll, werde ich nicht in die Details der ver­schie­de­nen Designs ein­tau­chen. Es geht viel­mehr darum, dir einen kurzen Über­blick zu ermög­li­chen. Viel­leicht unter­stützt dich dieses Wissen darin, zukünf­tig sehr gute von weni­ger guten Stu­dien unter­schei­den zu können. Und dir im dich­ten Wald der Wis­sen­schaft einen Über­blick zu ver­schaf­fen. Hol‘ dir einen Tee, jetzt wird’s nerdy.

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Was wird gemes­sen?

In der Medi­ta­ti­ons­for­schung tref­fen immer wieder phy­sio­lo­gi­sche und psy­cho­lo­gi­sche Mes­sun­gen zusam­men. Denn gerade, wenn es um ganz­heit­li­che Gesund­heit geht, ist die Ver­bin­dung von per­sön­li­chen Ein­schät­zun­gen und kör­per­li­chen Aspek­ten wich­tig und inter­es­sant. Die Erhe­bung von psy­cho­lo­gi­schen Daten kann unter ande­rem mit diesen Metho­den bewerk­stel­ligt werden:

Und dann sind da auch noch die phy­sio­lo­gi­schen Mes­sun­gen, die häufig super inter­es­sante und wert­volle Ein­bli­cke in das kör­per­li­che Gesche­hen bieten. Auch für diesen Bereich hier ein paar inter­es­sante Indi­ka­to­ren:

Wie wird gemes­sen?

Wenn For­schende sich eine Fra­ge­stel­lung über­legt haben, folgt die Aus­ein­an­der­set­zung mit pas­sen­den Metho­den, um die Hypo­these veri­fi­zie­ren oder fal­si­fi­zie­ren zu können. Dafür gibt es ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten. In qua­li­ta­ti­ven For­schungs­ar­bei­ten werden in der Regel Inter­views durch­ge­führt. Um sie ver­läss­lich ver­glei­chen und aus­wer­ten zu können, sind diese Inter­views oft stan­dar­di­siert oder teil-stan­dar­di­siert. Was bedeu­tet das? 

Für die Ergeb­nisse werden die Inter­views mit struk­tu­rier­ten Metho­den ana­ly­siert. Dabei wird auf Gemein­sam­kei­ten und Unter­schiede in den Ant­wor­ten geach­tet. Und am Ende lässt sich im besten Fall ein Fazit ziehen, das einen Mehr­wert für die Wis­sen­schaft, die All­ge­mein­be­völ­ke­rung oder spe­zi­fi­sche Ziel­grup­pen mit sich bringt. Der kann zum Bei­spiel darin liegen, die Bedürf­nisse spe­zi­fi­scher Grup­pen genauer kennen zu lernen, sodass dann maß­ge­schnei­derte Pro­gramme ent­wi­ckelt werden können. 


Bei­spiel:
Wenn For­schende bei­spiels­weise ein Acht­sam­keits­pro­gramm für Schu­len kre­ieren möch­ten, kann es hilf­reich sein, zunächst Lehr­kräfte, Eltern, Kinder, Schul­lei­tun­gen, Schul­so­zi­al­ar­bei­tende und alle ande­ren Betei­lig­ten zu inter­viewen und ihre Bedürf­nisse in Erfah­rung zu brin­gen. Teil-stan­dar­di­sierte Inter­views könn­ten in einem sol­chen Fall Sinn erge­ben, weil sowohl eine Struk­tur mit rele­van­ten The­men­fel­dern vor­liegt — z.B. zu Stres­ser­le­ben, Her­aus­for­de­run­gen und Übungs-Kapa­zi­tä­ten — aber auch noch die Mög­lich­keit bestehen bleibt, Impulse aus den Ziel­grup­pen mit auf­zu­neh­men. Die Her­an­ge­hens­weise kann also beson­ders dann sinn­voll sein, um neue Anwen­dungs­ge­biete zunächst einmal abzu­tas­ten und sich einen Über­blick über Bedürf­nisse und mög­li­che Mehr­werte zu ver­schaf­fen.


Am häu­figs­ten finden in der Medi­ta­ti­ons­for­schung aller­dings quan­ti­ta­tive Unter­su­chun­gen statt. Denn diese Weise ist in der Regel effi­zi­en­ter, um Daten von vielen Teil­neh­men­den zu sam­meln. Und mit einem großen Daten­satz steigt auch die Ver­läss­lich­keit und Aus­sa­ge­kraft der Ergeb­nisse. Aber wie funk­tio­niert quan­ti­ta­tive For­schung? Hier werden Daten erho­ben, die nume­risch codiert — also in Zahlen aus­ge­drückt — und dann ana­ly­siert werden können. Diese Methode ermög­licht es, bestimmte Skalen und Kon­strukte mög­lichst objek­tiv zu messen, zu ver­glei­chen und daraus ent­spre­chende Schlüsse zu ziehen.
Der Acht­sam­keits-Fra­ge­bo­gen Five Facets of Mind­ful­ness hat bei­spiels­weise fünf Skalen, die auch ein­zeln ana­ly­siert werden können. Er kann also zum Bei­spiel zeigen, dass die Facette nicht bewer­ten damit zusam­men­hängt, wie glück­lich wir sind — wäh­rend die Facette beschrei­ben dabei eher keine Rolle spielt.

Inter­es­sant sind oft auch Meta-Ana­ly­sen. Hier fassen die For­schen­den die Ergeb­nisse zahl­rei­cher Stu­dien zu einem Thema in einer ein­zel­nen Arbeit zusam­men. Zunächst wird dabei gründ­lich recher­chiert, damit alle rele­van­ten Stu­dien in die Ana­lyse ein­be­zo­gen werden können. Im Ver­lauf werden die Ergeb­nisse der Ein­zel­stu­dien gesam­melt ana­ly­siert und dis­ku­tiert. Der große Vor­teil an Meta-Ana­lyse ist, dass sie durch dieses Vor­ge­hen oft auf viel grö­ßere Daten­men­gen zugrei­fen können, als eine ein­zelne Unter­su­chung. Das kann dann die Aus­sa­ge­kraft des Ergeb­nis­ses bekräf­ti­gen. Denn je höher die Fall­zahl, desto besser ist es für die Aus­sa­ge­kraft.

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Fazit

Ob eine qua­li­ta­tive oder quan­ti­ta­tive Her­an­ge­hens­weise genutzt wird, hängt also vor allem von der Fra­ge­stel­lung ab. Es gibt hier kein wirk­li­ches besser oder schlech­ter. Die beiden Metho­den können auch sehr gut auf­ein­an­der auf­bauen. Ange­nom­men, wir möch­ten ein Acht­sam­keits­pro­gramm für Berufs­eins­ti­gende kre­ieren, könnte unser Vor­ge­hen so aus­se­hen:

  1. Als erstes Suchen wir nach Stu­dien zu dem Thema, vor allem nach Meta-Ana­ly­sen, um uns einen Über­blick zu ver­schaf­fen. Meta-Ana­lyse eige­nen sich hier beson­ders, weil sie in der Regel auf großen Daten­men­gen basie­ren und somit recht ver­läss­li­che Hin­weise bieten. 
  2. Anhand der Erkennt­nisse, die wir daraus gewon­nen haben, kre­ieren wir ein teil-stan­dar­di­sier­tes Inter­view, mit dem wir die genauen Bedürf­nisse von Berufs­ein­stei­gen­den abfra­gen.
  3. In einem nächs­ten Schritt inter­es­siert uns viel­leicht, wel­chen Ein­fluss Acht­sam­keit auf bestimmte Para­me­ter im Leben von der Ziel­gruppe hat. Dafür wählen wir uns pas­sende, psy­cho­lo­gi­sche Fra­ge­bö­gen aus und machen eine breit ange­legte quan­ti­ta­tive Studie.

Die gewon­ne­nen Erkennt­nisse können wir dann nutzen, um ein Acht­sam­keits­pro­gramm zu kre­ieren. Wie wir diese Inter­ven­tion dann eva­lu­ie­ren können, erfährst du im nächs­ten Abschnitt. 

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Wird etwas ver­än­dert?

Ein inter­es­san­ter Faktor in Stu­dien zu Acht­sam­keit und Medi­ta­tion ist oft auch, ob Inter­ven­tio­nen — also Pro­gramme mit dem Ziel zu ver­än­dern — durch­ge­führt wurden oder nicht. In Unter­su­chun­gen ohne Inter­ven­tion werden oft ver­schie­dene Aspekte, z.B. Acht­sam­keits­ni­veau und Stress­le­vel — erho­ben und dann im Hin­blick auf ihre Zusam­men­hänge ana­ly­siert.

Bei Inter­ven­ti­ons­stu­dien liegt der Fokus auf der Ver­än­de­rung. Hier gibt es ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten, zum Bei­spiel:

Natür­lich kann bei Stu­di­en­de­signs noch viel detail­lier­ter in die Tiefe gegan­gen werden. Wich­tige Aspekte können näm­lich auch noch von den Mess­zeit­punk­ten, der Stich­pro­ben­größe oder den Berech­nungs­me­tho­den abhän­gen. Ich hoffe, dass dir dieser Sci­ence Snack den­noch einen guten Über­blick über die häufig ver­wen­de­ten For­schungs­me­tho­den in der Medi­ta­ti­ons­wis­sen­schaft ermög­licht und du noch neue Aspekte ent­de­cken konn­test, über die du noch nicht Bescheid wuss­test.

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Die Pod­cast­folge zum Arti­kel: