Von Siri Fre­ricks

Sci­ence Snack #5:

Können wir Mit­ge­fühl erfor­schen?

Die Psy­cho­lo­gin Siri Fre­ricks von 7Mind ver­sorgt uns im neuen Format Sci­ence Snack“ regel­mä­ßig mit den neu­es­ten Erkennt­nis­sen aus der Wis­sen­schaft — rund um Psy­cho­lo­gie, Acht­sam­keit und Medi­ta­tion.

Warum über­haupt Mit­ge­fühl?

Die beson­de­ren Eigen­schaf­ten des Mit­ge­fühls werden seit Jahr­hun­der­ten beschrie­ben. Dabei geht es um viel mehr, als um eine wohl­tä­tige Spende zu den Winter-Fei­er­ta­gen. Mit­ge­fühl kann ein Emp­fin­den, eine Fähig­keit, eine Praxis, eine Eigen­schaft und noch mehr sein. Basie­rend auf Erkennt­nis­sen der Sozial-, Ent­wick­lungs- und Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie, der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und der bud­dhis­ti­schen Lehre hat es auch Einzug in psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ange­bote gefun­den.

Phi­lo­so­phisch setzte sich unter ande­rem Fried­rich Nietz­sche mit den Zusam­men­hän­gen und Folgen von Mit­ge­fühl aus­ein­an­der und for­mu­lierte:
Das Mit­ge­fühl nimmt zu, wenn freu­dige Emp­fin­dun­gen sein über­wie­gen­des Resul­tat sind; es nimmt ab, wenn es mehr Schmer­zen, als Freude davon­trägt. (…) man wird um so emp­find­li­cher gegen frem­des Leid je mehr man Mit­freude hat. Die mit­lei­digs­ten Men­schen sind solche, welche viel innere Freude haben, ihnen thut alles Wider­spre­chende wehe.

Der indi­sche Mys­ti­ker Osho (2006) erklärte die Bedeu­tung des Mit­ge­fühls in Abgren­zung zum Gefühl:
Gefühl ist Begierde, Mit­ge­fühl ist Liebe. Gefühl ist Ver­lan­gen, Mit­ge­fühl ist ohne jedes Ver­lan­gen. Gefühle sind gierig, Mit­ge­fühl teilt. Gefühle benut­zen den ande­ren als Mittel zum Zweck, Mit­ge­fühl respek­tiert den ande­ren als Selbst­zweck. (…) Du beginnst dich über die schlam­mige Welt der Sehn­süchte, Begier­den, Ängste und Lei­den­schaf­ten zu erhe­ben. Mit­ge­fühl bedeu­tet eine Trans­for­ma­tion deiner Ener­gie.“
Die Per­spek­tive Oshos ist ange­lehnt an die Suche Bud­dhas nach dem unbe­ding­ten Glück. Denn der erfuhr, dass es in der Frei­heit von Ver­lan­gen, in freu­di­ger Wert­schät­zung und in bedin­gungs­lo­sem Mit­ge­fühl sich selbst und ande­ren gegen­über zu finden sei.

Der Bud­dhis­mus ver­steht sich als Methode zur Befrei­ung von duhkha; das sind leid­volle Zustände, die dadurch auf­recht erhal­ten blei­ben, dass in unse­ren Gedan­ken immer wieder und wieder Bewer­tungs­pro­zesse — sams­kāra skandha - ablau­fen, die uns nicht guttun. In bud­dhis­ti­schen Tra­di­tio­nen gibt es daher Mit­ge­fühl-Medi­ta­tio­nen wie die Medi­ta­tio­nen zur lie­ben­den Güte. Sie sollen dabei helfen, Mit­ge­fühl zu kul­ti­vie­ren: für sich selbst, für nahe­ste­hende Men­schen und für Per­so­nen, mit denen wir uns hin und wieder schwer tun.

Und was zeigt die Natur­wis­sen­schaft?

Wer eine regel­mä­ßige Medi­ta­ti­ons­pra­xis auf­baut und Mit­ge­fühl kul­ti­viert, kann laut Stu­dien einige Ver­än­de­run­gen erle­ben, zum Bei­spiel:

metta-meditation


Was meint Mit­ge­fühl eigent­lich genau?

Paul Gil­bert ist Psy­cho­loge und Experte auf dem Gebiet des Mit­ge­fühls. Er defi­niert es als eine Bewusst­heit vom eige­nen Leid und dem ande­rer Lebe­we­sen mit dem Wunsch und Bestre­ben dieses Leid zu ver­rin­gern oder es zu ver­hin­dern.“ Doch das ist oft schnel­ler und leich­ter gesagt, als getan. Das Emp­fin­den von Mit­ge­fühl ist näm­lich kein auto­ma­ti­scher Pro­zess, der immer und über­all abläuft, sobald Leid da ist. Laut Gil­bert basiert er auf sechs Kom­po­nen­ten:

Das Ganze geht in meh­rere Rich­tun­gen: Ande­ren mit Mit­ge­fühl zu begeg­nen, mit uns selbst mit­zu­füh­len und Mit­ge­fühl von ande­ren anzu­neh­men. Es ist ein Geben und Nehmen. Manch­mal ist es beob­acht­bar, wenn wir uns ent­schei­den zu han­deln. Und manch­mal geschieht es eher im Stil­len, wenn wir mit­füh­lend an jeman­den Denken oder uns eine Por­tion Selbst­mit­ge­fühl bei einer Medi­ta­tion zukom­men lassen.

Was hat es mit dem Selbst­mit­ge­fühl wirk­lich auf sich?

Wäh­rend Mit­ge­fühl den meis­ten geläu­fig ist, ist das Selbst­mit­ge­fühl noch deut­lich unbe­kann­ter. Dabei hat es in der psy­cho­lo­gi­schen For­schung inzwi­schen einen sehr guten Ruf.

Kris­tin Neff beschreibt Selbst­mit­ge­fühl als die Eigen­schaft, berührt und offen eige­nes Leid wahr­zu­neh­men, es nicht zu ver­mei­den, den Wunsch nach Lin­de­rung zu ent­wi­ckeln und sich selbst mit einer freund­li­chen Hal­tung zu heilen. 

For­schende unter­such­ten anhand einer Meta­ana­lyse — also einer Studie, die die Ergeb­nisse zahl­rei­cher Stu­dien zum selben Thema zusam­men­fasst — die Bezie­hung von Selbst­mit­ge­fühl und der men­ta­len Gesund­heit. Die Ergeb­nisse zeig­ten, dass Selbst­mit­ge­fühl uns davor schüt­zen kann, psy­chi­sche Sym­ptome zu ent­wi­ckeln. Das galt beson­ders bei Selbst­kri­tik oder Depres­si­vi­tät. Dabei fällt es uns leich­ter, eine selbst­mit­füh­lende Hal­tung zu ent­wi­ckeln, wenn wir sichere Bin­dun­gen erle­ben mit Bezugs­per­so­nen, auf die wir uns ver­las­sen können. 

Das Selbst­mit­ge­fühl hat auch mit unse­rem Selbst­wert­ge­fühl zutun: Unter­su­chun­gen fanden hohe Zusam­men­hänge der beiden Aspekte — das bedeu­tet, dass viel Selbst­mit­ge­fühl sehr wahr­schein­lich mit einem posi­ti­ven Selbst­wert ein­her­geht. Wer mit sich selbst im Reinen ist und ein sta­bi­les Selbst­wert­ge­fühl hat, ist meist auch weni­ger vul­nera­bel für psy­chi­sche Erkran­kun­gen. Anhand einer Lang­zeit-Studie zeigte die For­schungs­gruppe, dass der poten­zi­ell schäd­li­che Ein­fluss eines gerin­gen Selbst­werts auf die psy­chi­sche Gesund­heit durch das Emp­fin­den von Selbst­mit­ge­fühl gemin­dert kann. Wer also Selbst­mit­ge­fühl prak­ti­ziert, kann damit der selbst­kri­ti­schen Gefüh­len, Gedan­ken und Ver­hal­tens­wei­sen ent­ge­gen­wir­ken, den Selbst­wert stär­ken und damit die Wider­stands­kraft der Psyche för­dern.

Mit­füh­len tut gut

Doch nicht nur Selbst­mit­ge­fühl tut gut. Auch das Geben und Emp­fan­gen von Mit­ge­fühl kann unser Selbst­wert­ge­fühl stär­ken und eine posi­tive Wir­kung auf die Stim­mung haben.

Und jetzt?

Viele von uns ver­brin­gen die Winter-Fei­er­tage oder den Jah­res­wech­sel Ende Dezem­ber mit ihrer Fami­lie oder lieben Freun­den — je nach dem, wie es der pan­de­mi­sche Stand zulässt, ent­we­der am gemein­sa­men Ess­tisch oder auf Nummer-Sicher vor einem Bild­schirm, auf dem die Fei­er­tags-Video-Kon­fe­renz läuft. Wie das letzte, war auch dieses Jahr gespickt von Aus­nah­me­si­tua­tio­nen, Sorgen und Unsi­cher­hei­ten. Womög­lich kann das Kul­ti­vie­ren einer mit­füh­lende Hal­tung uns in dieser her­aus­for­dern­den Situa­tion helfen, freund­lich, zuge­wandt und für­sorg­lich mit uns selbst und mit ande­ren umzu­ge­hen. Und Hilfe oder Mit­ge­fühl anzu­neh­men, wenn sie uns jemand schen­ken möchte. 

In der 7Mind App fin­dest du des­halb ver­schie­dene Medi­ta­tio­nen, die dich auf deinem Weg zu mehr (Selbst-) Mit­ge­fühl beglei­ten.

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Die Pod­cast­folge zum Arti­kel:

Bild: Geor­gia Vagim auf Uns­plash