Car­lotta Koroll

Yoga Phi­lo­so­phie ein­fach erklärt

An was denkst du bei dem Wort Yoga? Ein paar hüb­sche Legg­ins, eine sich ver­ren­kende Frau oder Räu­cher­stäb­chen? Schon vor Jahr­zehn­ten wurde Yoga in der west­li­chen Welt bekannt, aber wo diese uralte Lebens­phi­lo­so­phie eigent­lich her­kommt, wissen wenige. Des­we­gen werfen wir heute mal einen Blick in die Geschichts­bü­cher und fragen uns, was Yoga eigent­lich aus­macht und wie wir diese jahr­tau­sen­de­alte Phi­lo­so­phie heute eigent­lich noch anwen­den können.

Dafür betrach­ten wir die älteste Schrift über Yoga, die soge­nann­ten Yoga Sutras und den ver­mut­lich ersten Leh­ren­den: Pata­n­jali. Denn auch wenn es einige Jahr­tau­sende her ist, schaf­fen es die Yoga Sutras, Pro­bleme unse­rer Zeit auf­zu­grei­fen und Metho­den anzu­bie­ten, die einen Umgang ermög­li­chen. Also los geht’s mit unse­rer kurzen Zeit­reise!

Pata­n­jali: Die Legende des Yoga-Vaters

Auf die Frage, woher Yoga denn eigent­lich kommt, hört man oft den Namen Pata­n­jali. Wer dieser mys­te­riöse Mensch war, ist leider gar nicht so leicht zu beant­wor­ten. Denn wie so oft findet man viele ver­schie­dene Theo­rien und Legen­den über alte Geschich­ten.

Ver­mut­lich lebte er im 2. Jahr­hun­dert vor oder nach unse­rer Zeit­rech­nung. Nach einer Legende war seine Mutter die Aske­tin Gonika. Sie lebte als Ein­sied­le­rin und fand keinen Schü­ler, dem sie ihr Wissen wei­ter­ge­ben konnte. Dar­auf­hin betete sie zum Son­nen­gott Surya und eine Schlange fiel vom Himmel in ihre Arme. Die Schlange ver­wan­delte sich in einen Jungen, der sich vor ihr ver­neigte und sie bat, ihn als Schü­ler anzu­neh­men: Pata­n­jali. Daher auch der Name (Patta = fallen und Anjali = Gruß, Ver­nei­gung). Es wird spe­ku­liert, ob Pata­n­jali neben den Yoga Sutras eben­falls Autor von ande­ren Schrif­ten über Gram­ma­tik und Ayur­veda (indi­sche Heil­kunst) ist.

Yoga Sutras erklärt: 8 Pfade zur Erleuch­tung

Pata­n­ja­lis Lehren wurden in Form von Sutras, also kurzen Sätzen, doku­men­tiert. Dabei sind die 196 Sutras in vier Kapi­tel unter­teilt: Samadhi Pada, Sas­hana Pada, Vib­huti Pada und Kai­va­lya Pada.

In den mitt­le­ren Kapi­teln wird sich auf die acht Pfade des Yoga oder auch Asht­anga Yoga (Ashta = acht und Anga = Glied, Teil) kon­zen­triert. Diese acht Pfade gelten als nötige Kom­po­nen­ten der Erleuch­tung. Dabei ist jeder Teil gleich rele­vant, denn jeder ist nötig, um zum Ziel zu gelan­gen: Ein reiner Geist und die Befrei­ung der Seele. Pata­n­jali beginnt mit den Schrit­ten, die sich vor allem auf externe Fak­to­ren rich­ten, also alles, außer­halb unse­res Geis­tes: Unsere Umwelt, unser Körper und unser Atem. Ab dem fünf­ten Glied rich­tet Pata­n­jali sich immer mehr nach Innen, bis hin zum letz­ten Teil Samadhi“. Samadhi ist der Zustand, in dem sich das Ich-Bewusst­sein“ auf­löst.

Klingt ziem­lich abs­trakt, oder? Betrach­ten wir die ein­zel­nen Pfade mal genauer und fragen uns, wie sie für unser Leben rele­vant sein könn­ten. Begin­nen wir mit den vier Teilen, die sich auf externe Fak­to­ren rich­ten.

Hier schon mal ein Über­blick über die 8 Pfade:

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1. Yamas: Umgang mit der Umwelt

Die Yamas sind so etwas wie ethi­sche Richt­li­nien, mit denen wir nach Pata­n­jali unsere Umwelt behan­deln sollen. Die fünf Grund­werte sind: Ahimsa, Satya, Asteya, Brah­macha­rya, Aparigraha. Was so viel bedeu­tet wie Gewalt­lo­sig­keit, Wahr­haf­tig­keit, Nicht-Steh­len, Ent­halt­sam­keit und Nicht-besit­zen-wollen.

Diese fünf Punkte können natür­lich unter­schied­lich inter­pre­tiert und umge­setzt werden. Bedeu­tet Gewalt­lo­sig­keit nur phy­si­sche Gewalt und wem oder was sollen wir gewalt­los begeg­nen? Men­schen, Tiere, Natur? Wann beginnt eine Not­lüge und wann han­deln wir gegen unsere Wahr­haf­tig­keit? Auch Ent­halt­sam­keit wird heute kaum noch im sexu­el­len Kon­text gelebt, aber wir können zum Bei­spiel absti­nent von Fleisch oder Alko­hol leben. Der Gedanke dahin­ter ist, unsere Ener­gie für unsere eigene (spi­ri­tu­elle) Ent­wick­lung zu nutzen, statt für das Ver­fol­gen unse­rer Lüste. Ob das Ziel beim Yoga für uns aber über­haupt die Erleuch­tung ist oder viel­leicht ein­fach ein simp­le­res Leben, führt zu vielen ver­schie­de­nen Deu­tun­gen der Yamas. 

Inter­es­sant für unsere Zeit ist auch der letzte Punkt: Nicht-besit­zen-wollen oder nehmen, was ange­mes­sen ist. Das kann einer­seits als Unbe­stech­lich­keit oder das Zurück­wei­sen von Geschen­ken gese­hen werden. Aber auch die Mini­ma­lis­mus-Bewe­gung und bewuss­ter Konsum beschäf­tigt sich damit. So nehmen die Yamas in unter­schied­li­chen Zeit­al­tern span­nen­der­weise unter­schied­li­che Formen an. Auch auf imma­te­ri­el­ler Ebene sollen wir uns nicht anhaf­ten. Jeder Moment, jedes Gefühl und jeder Gedanke ist ver­gäng­lich. Ein Fest­hal­ten daran gilt als Quelle des Lei­dens und als Hin­der­nis für unsere yogi­sche Ent­wick­lung.

2. Niya­mas: Umgang mit dir selbst

Beim zwei­ten Glied han­delt es sich eben­falls um Leit­li­nien fürs eigene Han­deln, aber hier wird sich mehr auf indi­vi­du­elle Gewohn­hei­ten bezo­gen. Die fünf Niya­mas sind dabei:

  1. Saucha (Rein­heit von Gedan­ken, Wör­tern und Körper)
  2. San­to­sha (Genüg­sam­keit)
  3. Tapas (Selbst­dis­zi­plin)
  4. Svad­hyaya (Selbst­for­schung)
  5. Ish­va­ra­pra­ni­d­hana (Aner­ken­nung des Gött­li­chen)

Das bedeu­tet, wir sollen unse­ren Körper, unsere Gedan­ken und Worte rein halten und durch Genüg­sam­keit zufrie­den sein mit dem, was gerade ist. Außer­dem sollen wir dis­zi­pli­niert sein und uns selbst erfor­schen, genauso wie die Phi­lo­so­phie. Und zu guter Letzt das Gött­li­che aner­ken­nen und ihm ver­trauen. Und damit auch allem, was pas­siert, ver­trauen und uns nicht sorgen.

3. Asana: Die kör­per­li­che Praxis

Bemer­kens­wert, dass der Teil von Yoga, der in der west­li­chen Welt am meis­ten Beach­tung bekommt eigent­lich nur ein Achtel aus­macht, oder? Dabei ist das eigent­li­che Ziel hinter der kör­per­li­chen Praxis, eine sta­bile und bequeme Medi­ta­ti­ons­po­si­tion zu finden. Asana ist eine sta­bile, bequeme Hal­tung“ heißt es im 46. Sutra.

Gleich­zei­tig ist es natür­lich sehr viel ein­fa­cher, Abstand von den eige­nen Gedan­ken zu gewin­nen, wenn wir aktiv in unse­rem Körper sind, als wenn wir uns ein­fach nur hin­set­zen und pro­bie­ren, an nichts zu denken. Übst du gerne Yoga oder möch­test damit anfan­gen? Wir haben ein beson­de­res Ange­bot für dich. Gemein­sam mit dem Green Yoga Shop bekommst du mit dem Code greenx­mind bis März 2021 15% Rabatt auf deine Bestel­lung von Yoga­klei­dung, Matten, Zube­hör und mehr. Hier kommst du zum Green Yoga Shop.

In den Yoga Sutras selbst wird nicht über bestimmte Kör­per­hal­tun­gen gespro­chen. Erst mit der Zeit kamen in kom­men­tier­ten Fas­sun­gen Erläu­te­run­gen von bestimm­ten Asanas dazu.

4. Pra­na­yama: Kon­trolle über den Atem

Das vierte Glied des Pfades ist die Atem­kon­trolle. Prana ist hier­bei die Lebens­en­er­gie, unser Atem, und Ayama bedeu­tet kon­trol­lie­ren oder auch erwei­tern. Pra­na­yama sind keine nor­ma­len Atem­übun­gen, denn erst wenn du deinen Atem zurück hälst bzw. anhälst, beginnt die Kon­trolle.

Der Gedanke dahin­ter ist, unsere innere Lebens­en­er­gie in Balance zu brin­gen. Dann kann sie frei in unse­rem Körper flie­ßen, Gesund­heit bewah­ren und Ener­gien aus­glei­chen. Die Bedürf­nisse der Kör­pers sind die Bedürf­nisse des gött­li­chen Geis­tes, der durch den Körper lebt. Der Yogi rich­tet sich nicht zum Himmel, um Gott zu finden, denn er weiß, dass er in ihm innelebt.“ (B.K.S. Iyen­gar).

5. Pra­tya­hara: Umkeh­ren der Sinne

Pra­tya­hara bedeu­tet so etwas wie Zurück­neh­men oder Zurück­zie­hen. Dieser Punkt bildet die Brücke zwi­schen den ersten vier, den exter­nen Kom­po­nen­ten, und den letz­ten drei, den inter­nen. Hier­bei sollen die Sinne keinen Kon­takt mit äuße­ren Gegen­stän­den haben, sie sollen nach Innen gerich­tet werden. Denn durch die Dis­zi­pli­nie­rung der Sinne soll der Geist geschult werden, Fein­hei­ten wahr­zu­neh­men.

Vor allem mit immer mehr exter­nen Sin­nes­ein­drü­cken, die unsere Auf­merk­sam­keit ver­lan­gen, klin­gelnde Handys, leuch­tende Wer­bung, stän­dige Hin­ter­grund­ge­räu­schen, sollte dieser Punkt Prio­ri­tät in unse­rem heu­ti­gen Leben finden. Wie genau diese Praxis aus­sieht, wird im Sutra nicht beschrie­ben. Neben Medi­ta­tion könnte man auch zum Bei­spiel durch Jour­na­ling, Pra­na­yama und Asanas in einen sol­chen Zustand kommen.

6. Dha­rana: Kon­zen­tra­tion

Mit dem Anstei­gen des Pfades nähern wir uns immer mehr unse­rer inne­ren Welt. Hier­für bietet Dha­rana, Kon­zen­tra­tion, die Vor­stufe von Medi­ta­tion. Kon­zen­tra­tion bedeu­tet unun­ter­bro­chene Auf­merk­sam­keit auf einen Gegen­stand zu rich­ten. Das kann ein Mantra sein, ein Kör­per­teil oder auch der Atem. Wich­tig ist, dass der Geist nicht zwi­schen meh­re­ren Dingen hin und her springt. Im kon­zen­trier­ten Zustand, der als Vor­stufe zur Medi­ta­tion gilt, sind wir uns noch über alles äußer­li­che bewusst: Den Gegen­stand der Kon­zen­tra­tion, unse­ren eige­nen Geist und den Pro­zess selbst können wir klar wahr­neh­men. In den letz­ten Kom­po­nen­ten schwin­det dieses Bewusst­sein nach und nach.

7. Dhyana: Medi­ta­tion

Bei der Medi­ta­tion begin­nen wir immer mehr, die inter­nen und exter­nen Fak­to­ren zu ver­ei­nen. Nur noch der kon­ti­nu­ier­li­che, unun­ter­bro­chene Gedan­ken­fluss über ein und das selbe Objekt findet Platz in unse­rem Geist. Im Gegen­satz zur Vor­stufe, der Kon­zen­tra­tion, ver­lierst du im medi­ta­ti­ven Zustand das Bewusst­sein dar­über, dass du medi­tierst. Einzig du und der Gegen­stand deiner Auf­merk­sam­keit befin­den sich in deinem Geist.

Übri­gens, in der 7Mind-App gibt es zwei neue Medi­ta­tio­nen: Vor dem Yoga und Nach dem Yoga. Wenn du bis hier gele­sen hast, hast du schon gemerkt, dass Yoga viel mehr ist, als das, was in der Yoga­stunde pas­siert. Medi­ta­tion ist ein essen­ti­el­ler Teil des Yoga. Mit der Medi­ta­tion Vor dem Yoga“ beru­higst du deinen Geist, um dich in der Yoga­stunde kom­plett auf deinen Körper kon­zen­trie­ren zu können. Und durch die Medi­ta­tion Nach dem Yoga“ fin­dest du nach der kör­per­li­chen Anstren­gung noch ein mal Ent­span­nung und nimmst die gesam­melte Ener­gie mit in den Alltag.

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8. Samadhi: Ver­ei­ni­gung

Kommen wir zum letz­ten Teil des acht­glied­ri­gen Pfades: Samadhi, die Ver­ei­ni­gung oder auch das Zusam­men­brin­gen. Hier ist der Yogi kom­plett eins mit dem Objekt der Medi­ta­tion. Es findet keine Unter­schei­dung zwi­schen dem Medi­tie­ren­den, dem Objekt und dem Pro­zess der Medi­ta­tion mehr statt. Der Geist ver­liert den Sinn für die eigene Iden­ti­tät.

Klingt das super abs­trakt? Ein abge­spack­ter, aber etwas greif­ba­rer Zustand ist der von Flow“. Auch, wenn es sich bei Samadhi um einen ganz­heit­li­chen Zustand han­delt, wäh­rend der Flow-Zustand von exter­nen Bedin­gun­gen abhängt, findet man einige Par­al­le­len. Das Wort Flow“ wurde vor allem von Glücks­for­scher Mihaly Csiks­zent­mi­ha­lyi geprägt. In diesem Zustand befin­den wir uns kom­plett im Moment und ver­ges­sen Raum und Zeit. Fol­gende Kom­po­nen­ten sind häufig betei­ligt: Wir fühlen uns der Auf­gabe vor uns gewach­sen, können uns darauf kon­zen­trie­ren, haben deut­li­che Ziele und direkte Rück­mel­dung. Wir han­deln aus tiefer Hin­gabe und haben ein Gefühl von Kon­trolle über die Situa­tion. Wäh­rend­des­sen schwin­det das Gefühl unse­res Selbst“, aber danach fühlen wir uns meist bestärkt in unse­rer Person. Viel­leicht erha­schen wir durch punk­tu­elle Zustände von Flow einen mini­ma­len Ein­blick in die Idee von Samadhi. Flow“ muss jedoch nichts spi­ri­tu­el­les sein und die Ver­gleich­bar­keit mit Samadhi stößt eini­gen sicher­lich sauer auf. Aber durch das schwin­dende Bewusst­sein über das Selbst, Zeit und Raum, lassen sich einige Par­al­le­len ziehen.

Fun Fact: Man sagt, dass Erleuch­tete“ teil­weise ein Schild an die Tür hängen, dass sie in Samadhi sind. Der Puls fährt in diesem Zustand näm­lich so stark her­un­ter, dass sie schon fälsch­li­cher­weise für tot erklärt wurden.

Was diese Schritte und Impulse des Asht­anga Yoga bedeu­ten und wie man sie in das eigene Leben brin­gen kann, ist nach ein wenig Nach­den­ken recht breit gefä­chert. Aber wir können uns alle eine kleine Scheibe von Pata­n­jali abschnei­den und pro­bie­ren, etwas acht­sa­mer zu han­deln: Mit unse­rer Umwelt, unse­rem Körper und unse­rem Geist. Namaste. :)


Die Pod­cast­folge zum Impuls der Woche:


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Bild: Dane Wetton auf Uns­plash