Car­lotta Koroll

Zwi­schen Opti­mie­rung und Selbst­ak­zep­tanz

Fangen wir mit einer unan­ge­neh­men Wahr­heit an: Wenn du auf diesen Arti­kel geklickt hast, ist die Wahr­schein­lich­keit hoch, dass du nicht zufrie­den mit dir bist. Viel­leicht nur zu 10 Pro­zent oder zu 60 Pro­zent — aber defi­ni­tiv gibt es einen Teil in dir, der sich nicht ganz wohl fühlt.

Ver­mut­lich ist das ganz normal. Immer­hin gibt uns die Umwelt stän­dig das Gefühl, dass es noch besser geht. Das Ins­ta­gram-Mäd­chen, das ganz neben­bei den fla­chen Bauch prä­sen­tiert, die Kol­le­gin, die schnel­ler die Kar­rie­re­lei­ter hoch­klet­tert als du oder der Freund, der mal eben eine Welt­reise macht. Irgend­wie natür­lich, dass diese Wahr­neh­mun­gen Gedan­ken los stoßen wie Sollte ich das auch tun? Muss ich etwas an meinem Leben ver­än­dern?“.

Der Ver­gleich mit ande­ren — früher und heute

Aber Ver­glei­che sind nicht gene­rell schlecht. Immer­hin spor­nen sie uns im rich­ti­gen Maße an, geben uns den Ehr­geiz und viel­leicht auf genau den Druck, den wir brau­chen, um über uns hin­aus­zu­wach­sen. Das rich­tige Maß — das ist das Zau­ber­wort, das in so vielen Dis­kus­sio­nen fällt. Ein­zi­ges Pro­blem: Das Ein­hal­ten. Denn das rich­tige Maß“ zu finden in einer Welt, in der wir mehr im Außen sind als im Innen, in der wir inner­halb von Mil­li­se­kun­den vir­tu­ell ans andere Ende der Welt reisen können, ist eine rie­sige Her­aus­for­de­rung. Denn der Input, die Infor­ma­tio­nen und Mög­lich­kei­ten uns zu ver­glei­chen, werden immer mehr.

Betrach­ten wir einmal den Alltag unse­rer Vor­fah­ren — nicht, dass sie es ein­fa­cher hatten — wird der Punkt noch deut­li­cher. Die Men­schen, mit denen du Kon­takt hat­test, waren größ­ten­teils durch Fami­lie, Bil­dung und Arbeit begrenzt. Natür­lich hatten auch ihre Leben große Umbrü­che — nicht zuletzt Kriegs- und Fluch­ter­fah­run­gen. Doch sie hatten nicht die Mög­lich­keit, einen Men­schen am ande­ren Ende der Welt per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen, in den Alltag ent­fern­ter Men­schen zu spähen, ja noch nicht ein mal kurz die Freun­din zu spre­chen, wenn sie nicht in Reich­weite war. Der Per­so­nen­kreis, mit dem man sich ver­glei­chen konnte, war mikro­sko­pisch klein im Gegen­satz zur digi­ta­len Zeit.

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Fai­rer­weise muss man aber sagen, dass der Alltag vor Hun­dert Jahren andere Her­aus­for­de­run­gen barg. Hatten die Men­schen zwi­schen Fami­lie, kör­per­li­cher Arbeit und Auf­ga­ben, die heute von Maschi­nen erle­digt werden, über­haupt Zeit, sich mit sich selbst aus­ein­an­der zu setzen? Auf jeden Fall nicht so viel wie wir heut­zu­tage. Das lässt uns fol­gen­den Schluss ziehen:

Wir sind heute viel selbst­zen­trier­ter, als die Gene­ra­tio­nen vor uns.

Das ist gar nicht so schlecht, wie es erst mal klingt. Immer­hin können wir so auch unsere eige­nen Fehler erken­nen und zu umsich­ti­ge­ren Men­schen werden. Wir können uns reflek­tier­ter mit unse­rem Konsum oder der Erzie­hung unse­rer Kinder aus­ein­an­der­set­zen, denn die äuße­ren Bedro­hun­gen sind für die meis­ten Bürger:innen in Mit­tel­eu­ropa über­schau­bar. Doch es bringt eben auch das Bedürf­nis, sich selbst zu iden­ti­fi­zie­ren und dar­zu­stel­len, was zu mehr Ver­glei­chen und Unsi­cher­hei­ten führt. Mehr Zeit mit uns selbst und weni­ger, oder zumin­dest andere, Sorgen geben uns die Mög­lich­keit zu mehr Refle­xion — aber eben auch Unzu­frie­den­heit.

Was bedeu­tet das für die Selbst­ak­zep­tanz? Sollen wir nun alle Social Media Accounts löschen und wieder anfan­gen, das Wasch­brett zu benut­zen? Auch wenn ers­te­res eine umsetz­bare und viel­leicht gar nicht schlechte Idee ist, bedeu­tet das nicht, dass wir uns zurück ent­wi­ckeln müssen. Es geht viel mehr darum, unsere neue Her­aus­for­de­rung, die ja nun eigent­lich ein Luxus ist, anzu­er­ken­nen: Die Her­aus­for­de­rung der nie enden­den Infor­ma­ti­ons­flu­ten und Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten.

Ein wei­te­res Luxus­pro­blem unse­rer Zeit, das uns an inne­rer Zufrie­den­heit hin­dert, ist das Meer an Mög­lich­kei­ten. Dein Leben ist nicht mehr durch dein Geschlecht, Beruf deiner Eltern oder die Jung­ge­sel­len in deiner Stadt vor­be­stimmt. Es gibt mehr Berufe und immer mehr Dating­apps, die uns an unse­rer gewähl­ten Rea­li­tät zwei­feln lassen. Nicht zu ver­ges­sen, tau­sende von Ins­ta­gram­posts, die uns erin­nern, dass wir unser Leben in der Hand haben und alles mög­lich ist, was wir uns in den Kopf setzen. Auch das kann uns in ein Was wäre, wenn?“-Denken locken.

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Was ist wirk­lich nötig für ein erfüll­tes Leben?

Beschäf­ti­gen wir uns weiter damit, was wir mit unse­rem Leben anfan­gen sollen, warum wir nicht zufrie­den sind oder uns nicht akzep­tie­ren können, kommen wir früher oder später zur fun­da­men­ta­len Frage nach dem Sinn des Lebens. Weil sich schon viele schlauere Köpfe mit dieser Frage aus­ein­an­der­ge­setzt haben, graben wir nicht beson­ders tief in diesem Loch. Für diese Aus­ein­an­der­set­zung reicht es, fest­zu­hal­ten, dass für ein glück­li­ches Leben weder Erfolg, Ruhm noch Geld nötig sind. Der ein­fachste Mann oder die ein­fachste Frau kann glück­li­cher sein als Elon Musk und Paris Hilton zusam­men.

Oft hängt Zufrie­den­heit mit dem simp­len Ent­schei­den für eine Option zusam­men. Die Ent­schei­dung für einen Beruf, einen Part­ner oder einen Wohn­ort, ohne danach ins Grü­beln zu ver­fal­len, ob es so rich­tig war. Denn die eine rich­tige Wahl gibt es nicht, wenn es um die Lebens­ge­stal­tung geht. Auch wenn ich das Leben eines Mee­res­bio­lo­gen fas­zi­nie­rend finde, muss ich nicht gleich den Beruf wech­seln. Obwohl ein Spa­zier­gang am Meer zum Fei­er­abend schön wäre, muss mich Berlin nicht unglück­lich machen. 

Und wenn du dich fragst, ob die Lebens­ge­stal­tung, die du gewählt hast, denn über­haupt zu dir passt, dreh den Spieß doch ein­fach mal um: Dein Lebens­stil formt deinen Cha­rak­ter, er macht dich aus. Viel­leicht hängen wir heut­zu­tage ein­fach zu sehr an dem Gedan­ken, dass jeder Mensch einen ein­zig­ar­ti­gen Kern hat und es genau eine Lebens­weise gibt, in dem sich dieser Kern ent­fal­ten kann. Viel­leicht sind wir viel resi­li­en­ter, als wir glau­ben, doch wir werden durch die Infor­ma­ti­ons­flut schnell von unse­rem eigent­li­chen Glück und unse­rer inne­ren Zufrie­den­heit abge­lenkt.

Natür­lich dürfen wir den Luxus der vielen Mög­lich­kei­ten aber auch aus­kos­ten. Wenn dich dein Lebens­stil nicht glück­lich macht, ändere etwas! Immer­hin sind wir Men­schen und Erfah­run­gen span­nend zu erle­ben. Das hier soll nur eine Erin­ne­rung daran sein, dass ewiges Abwä­gen, Aus­pro­bie­ren und Ver­än­dern nie­man­den glück­lich macht. Und manch­mal liegt die größte Ent­wick­lung darin, dort zu blei­ben, wo man ist.

Die Pod­cast­folge zum Arti­kel: