7mind-studierende


Von Viola Münch

Was macht ein gutes Prak­ti­kum aus?

Erfah­run­gen für den wei­te­ren beruf­li­chen Weg

Im ersten Teil der Kolumne ging es darum, sich die Fragen Was will ich wirk­lich” und Was kann ich geben” zu stel­len, um den für sich pas­sen­den Job zu finden. Ich habe mir aller­dings die Illu­sion auf­ge­baut, dass ich damit alles in der Hand hätte. Nur weil wir uns einen Job nach bestem Wissen und Gewis­sen aus­su­chen, bewahrt uns das nicht davor, auch andere als die gewünsch­ten Erfah­run­gen zu machen. 

Ich habe in Teil 1 auch geschrie­ben, dass es keine fest­ste­hen­den Ant­wor­ten auf diese Fragen gibt, son­dern diese sich im Laufe unse­res Lebens ver­än­dern. Eine Prak­ti­kums­stelle ist also nicht nur dann eine gute Prak­ti­kums­stelle, wenn ich sie ehr­lich aus­ge­wählt habe, son­dern vor allem dann, wenn ich aus den Erfah­run­gen etwas für mich und meinen wei­te­ren beruf­li­chen Weg mit­neh­men kann: Passt diese Arbeit zu mir? Was fällt mir leicht, was schwer? Was liegt mir, was nicht? Worin gehe ich auf? Was ist mir wich­tig?

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Leis­ten vs. Lernen

Im zwei­ten Teil der Kolumne habe ich dar­über geschrie­ben, wie ich die unsi­chere Anfangs­zeit ange­gan­gen bin — um Anzu­kom­men. Letzt­end­lich ging es aber immer wieder darum, ins Arbei­ten zu kommen”, pro­duk­tiv zu werden, etwas zu leis­ten. Ich habe dabei ver­ges­sen, dass es bei diesem Prak­ti­kum zu keinem Zeit­punkt ums Leis­ten ging — es ging und geht ums Lernen!

Ich bin in eine Falle getappt, die sicher einige kennen: Im Prak­ti­kum fühlen wir uns dank­bar, dass wir über­haupt hier sein dürfen. Die eigent­li­che Idee hinter dem Kon­zept Prak­ti­kum” ist weit weg vom all­seits bekann­ten Leis­tungs­ge­dan­ken. Wir faulen Stu­die­ren­den” fühlen uns, als fielen wir zur Last, als seien wir in einer Bring­schuld. So ent­wi­ckeln wir die Ten­denz, alle Auf­ga­ben zu über­neh­men und keine klaren Gren­zen zu setzen. 

Mir ist auf­ge­fal­len, dass ich sogar gedank­lich eine (wahr­schein­lich ver­zerrte) Geben-Nehmen-Strich­liste” führe. Damit ste­cken wir weder für uns, noch nach außen einen klaren Erwar­tungs­raum ab und bege­ben uns in eine frag­li­che (wir ver­kau­fen uns unter Wert) und für beide Seiten unein­deu­tige Posi­tion.

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Das Prak­ti­kum als Ort des Ler­nens

Die eigene Erwar­tungs­hal­tung

Ich habe mein Prak­ti­kum aus­ge­wählt, weil ich für mich Chan­cen des Wachs­tums gese­hen habe (ande­res Land, fremde Spra­che, neue Bran­che, andere Arbeits­kul­tur, andere Auf­ga­ben). Mög­lich­kei­ten der Wei­ter­ent­wick­lung in einem Prak­ti­kum zu erken­nen, sind eine wich­tige Basis, wenn unser Prak­ti­kum ein Ort des Ler­nens sein soll. Doch das alleine bildet noch kein sta­bi­les Lern­um­feld. Denn ein her­aus­for­dern­des Prak­ti­kum stellt für unse­ren Orga­nis­mus eine unsi­chere Situa­tion dar, wor­auf­hin dieser Alarm schlägt. 

Unge­wisse Situa­tio­nen waren in der Stein­zeit lebens­be­droh­lich und daher war es lebens­ret­tend, mit erhöh­ter Auf­merk­sam­keit zu reagie­ren und Unsi­cher­heit mög­lichst schnell in Sicher­heit zu ver­wan­deln — kein idea­ler Zustand, um zu Lernen. Typi­sche Reak­tio­nen sind fight” (Der Ver­such, Sicher­heit durch Angriff her­zu­stel­len), freeze” (Der Ver­such, Sicher­heit durch Ver­mei­dung her­stel­len) oder fawn” (Der Ver­such, Sicher­heit durch Gefal­len und Unter­wer­fung her­zu­stel­len). Ich per­sön­lich habe die Ten­denz, mich häufig her­aus­for­dern­den Situa­tio­nen aus­zu­set­zen und die Erwar­tung an mich selbst, diese dann per­fekt meis­tern zu müssen. So wird übri­gens die flight”-Reaktion beschrie­ben: Der Ver­such, Sicher­heit durch Per­fek­tion und Leis­tung her­stel­len.

All diese unbe­wusst ablau­fen­den Reak­tio­nen sind angst­ge­trie­ben und nicht ange­mes­sen, da wir uns nicht in einer lebens­be­droh­li­chen Situa­tion befin­den. Wir sug­ge­rie­ren uns selbst Sicher­heit, indem wir Kon­trolle aus­üben. Doch in Wirk­lich­keit umge­hen wir damit die Situa­tion, in der wir wach­sen könn­ten. Den­noch ist es für das Lernen im Prak­ti­kum wich­tig, dass wir in eine gewisse Sicher­heit kommen. Meine Kör­per­re­ak­tio­nen zu ver­ste­hen, hat mir gehol­fen, Ver­ständ­nis und Mit­ge­fühl für mich selbst auf­zu­brin­gen, aber auch meine eigene Erwar­tungs­hal­tung anzu­pas­sen. Ich habe mich bewusst von dem Gedan­ken frei­ge­macht, pro­duk­tiv werden zu müssen. Ich habe die Angst auf­ge­löst und durch Ver­trauen ersetzt: Ver­trauen in meine Ent­schei­dun­gen. Ver­trauen in meine Fähig­kei­ten. Ver­trauen, dass ich die Erfah­rung machen werde, die ich brau­che. Ver­trauen, dass ich das Rich­tige zum rich­ti­gen Zeit­punkt lernen darf.

Meine eigene Erwar­tungs­hal­tung rührt auch aus frü­he­ren Erfah­run­gen. Bei ver­gan­ge­nen Prak­tika oder Trainee­pro­gram­men wurde ich durch meine Her­an­ge­hens­weise schnell zu einer wich­ti­gen (und güns­ti­gen) Arbeits­kraft. Auch des­we­gen, weil es immer zu viel Arbeit für zu wenig Per­so­nal gab. Mit dieser Erfah­rung bin ich sicher nicht alleine. Erfolg” damit gehabt zu haben, macht es mir heute nicht ein­fa­cher, mein eige­nes Ver­hal­ten zu ändern.

Die fremde Erwar­tungs­hal­tung

Durch die bewusste Aus­wahl meines Prak­ti­kums habe ich mir selbst eine starke Basis geschaf­fen: Das für mich pas­sende Unter­neh­men, mit dem für mich pas­sen­den Zweck, in dem das Lern­um­feld, das ich mir für ein Prak­ti­kum wün­sche, gege­ben ist. In meinem aktu­el­len Prak­ti­kum werde ich nicht als zusätz­li­che Arbeits­kraft gese­hen. Jede Stelle ist besetzt, ich bin kein Glied in einer Kette. Ich kann neben­her laufen, mir die Kette” von außen anschauen. 

Ver­gan­gene Erfah­run­gen, die ich gemacht habe, als ich Ent­schei­dun­gen nach einem ande­ren Maß­stab getrof­fen habe, auf dieses Unter­neh­men zu über­tra­gen, ist einer­seits nicht för­der­lich für meinen Lern­er­folg. Zum ande­ren stelle ich mich damit über diese Per­so­nen. Ich gestehe ihnen nicht zu, selbst zu ent­schei­den, welche Erwar­tun­gen sie an mich haben. Ich glaube nicht dem, was sie sagen (“Du bist hier will­kom­men”), son­dern dem, von dem ich denke, das sie es denken (“Die lässt sich hier aus­hal­ten”), wäh­rend sie etwas ande­res kom­mu­ni­zie­ren — eigent­lich ziem­lich anma­ßend.

Es gibt sicher die unter­schied­lichs­ten Gründe, ein Prak­ti­kum anzu­bie­ten. Da ich nun gelernt habe, dem zu glau­ben, was Men­schen kom­mu­ni­zie­ren, konnte ich einen neuen Blick auf die Erwar­tungs­hal­tung meiner Arbeit­ge­ben­den bekom­men: Sie unter­stüt­zen mich und meinen Weg, der mit ihnen reso­niert, gerne und wollen mich empowern und inspi­rie­ren. Sie wollen mir ihre Welt zeigen, sodass ich einen Ein­blick bekomme. Sie wollen sehen, wie ich in ihre Welt passe. Sie schät­zen den Blick von außen, meine Sicht­weise auf die Dinge. Vor allem wollen sie ihr Wissen, ihre jah­re­lange Erfah­rung wei­ter­ge­ben: Ihre Art und Weise, ein Hotel zu führen, ihre Her­an­ge­hens­weise an Ent­schei­dun­gen. Es ist ihnen wich­tig, mir zu zeigen, dass es auch funk­tio­nie­ren kann, wenn man ent­ge­gen der Norm han­delt, was es heißt, inno­va­tiv zu sein und auch im Busi­ness auf sein Herz und seine Intui­tion zu hören.

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Was ich lerne

Ich lerne, dass es im Prak­ti­kum ums Lernen geht. Ich lerne, dass der Gedanke, etwas leis­ten zu müssen, meiner eige­nen, und nicht (mehr) der frem­den, Erwar­tungs­hal­tung ent­springt. Ich lerne, meinem Weg, der mitt­ler­weile auf einer star­ken Basis auf­baut, zu ver­trauen.

Ich lerne das, was ich lernen wollte — das wofür ich hier bin: Der Grün­der des Hotels sagte zu mir: Wir soll­ten aktu­ell keine Leih­bikes aus der Vor­sai­son ver­kau­fen, weil wir nicht wissen, wann wir auf­grund der aktu­el­len Lage neue Fahr­rä­der bekom­men. Jetzt hat mir die Mutter eines Jungen geschrie­ben, der unbe­dingt ein Fahr­rad von uns haben möchte. Er will nur eines, das hier an diesem Ort war, weil dieser Ort für ihn beson­ders ist. Er will unser Fahr­rad — nicht des Fahr­rads wegen, son­dern des Ortes wegen. Das ist alles, was ich je mit diesem Ort errei­chen wollte. Soll ich ihm das Fahr­rad jetzt nicht ver­kau­fen?” — Eine Frage, auf die es in der BWL-Vor­le­sung eine klare Ant­wort gäbe. Ich glaube, ich bin an einem ganz beson­de­ren Ort des Ler­nens und das ist etwas, das sich auf keiner Geben-Nehmen-Strich­liste der Welt bemes­sen lässt.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass dir diese Kolumne gefal­len hat, du dich in den ein oder ande­ren Gedan­ken oder Situa­tio­nen wie­der­ge­fun­den hast und etwas für dich mit­neh­men konn­test. Ich wün­sche dir für deine Zukunfts­ge­stal­tung eine gesunde Mischung aus Reflek­tion, Acht­sam­keit und Ver­trauen. Vor allem: Genieße den Weg!


Über die Auto­rin: Ich bin Viola, 26 Jahre alt und Mas­ter­stu­den­tin im Stu­di­en­gang​“Sport­wis­sen­schaft: Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung und Manage­ment” an der Uni Bie­le­feld. Zusam­men mit einem wun­der­ba­ren deutsch­land­weit ver­teil­ten Team an 7Mind Mindfulness-Botschafter:innen darf ich im Rahmen des Campus Coach Pro­gramms Acht­sam­keit und Medi­ta­tion an die Unis und Hoch­schu­len brin­gen.

Bild: Pri­scilla Du Preez auf Uns­plash