Die Glo­ri­fi­zie­rung des Allein­seins

Alleine sein kann ich! Das hätte ich dir mein ganzes Leben lang erzählt. Wäh­rend andere in ihrer Frei­zeit am liebs­ten Freunde und Freunde von Freun­den trafen, rühmte ich mich heim­lich mit dem Satz Das brau­che ich nicht“. So wurde Ich brauch heute Zeit für mich“ zur Stan­dart­flos­kel unter meinen Absa­gen. Rich­tig gut fühlte sich das an. Schließ­lich tat ich etwas für mich! Nichts fühlte sich wich­ti­ger an, als meine frei­wil­lige Selbst­iso­lie­rung. Und das lange vor Corona. Eine Fes­tung für die Sinne, Me time“ eben… 

Gerne würde ich dir sagen, dass ich zuhause Fuß­bä­der nahm, Gedichte schrieb oder meine zwölf Katzen füt­terte. Aber das wäre nicht mal die halbe Wahr­heit. Denn viele Abende beschäf­tigte ich mich mit den kleins­ten Klei­nig­kei­ten, um das mit mir sein“ ja nicht zuzu­las­sen. Erst jetzt merke ich, dass mein Allein­sein ein Ver­such war, mich selbst aus­zu­hal­ten. Ob es mir jemals gelun­gen ist, kann ich hier nicht sagen. Was es mit diesem mys­te­riö­sen Gefühl sich selbst aus­hal­ten“ auf sich hat, viel­leicht schon. 

Sich selbst aus­hal­ten lernen

Viele Men­schen finden durch das, was sie tun und die­je­ni­gen, mit denen sie es tun, sehr viel Halt. Ob es eine Fami­lie ist, ein siche­rer Job, ein lei­den­schaft­li­ches Hobby, eine Part­ne­rin oder Part­ner. Sie lieben es und hassen es auch manch­mal, dann gönnen sie sich meist frei­wil­lig eine Pause davon. Mit Yoga, mit Urlaub, mit Seri­en­gu­cken, mit Wan­dern, mit Shoppen…und, und, und. Me time“ bedeu­tet Dinge zu tun, die man gerne macht. Kaum jemand kommt auf die Idee, ein­fach nur da zu sein. Aber was ist dieses da sein“ eigent­lich? Was, wenn man sich in sich selbst nicht zu Hause fühlt? Wenn man in sich keinen Ort findet, der Gebor­gen­heit bietet? 

Was, wenn man sich selbst nicht aus­hält?

Die Kunst sich selbst aus­zu­hal­ten“ ist ein Buch des Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors Michael Bordt. Sein eige­ner Weg zur Selbst­er­kennt­nis führte ihn mit 28 Jahren dazu, einem Jesui­ten­or­den bei­zu­tre­ten. Dort medi­tierte er bis zu acht Stun­den am Tag. Anfangs ist da Freude, man wird ruhig und ent­spannt. Aber dann kommt die Phase, in der man mit all seinen dunk­len Seiten kon­fron­tiert wird: Trauer, Wut, Schmerz. Und das Schlimmste ist: Man kann nichts äußern, man muss es aus­hal­ten. Sich seinen Sehn­süch­ten und Ängs­ten stel­len. Ein Leben lang“, so der Pro­fes­sor in einem Por­trait.

Auch stellt er eine inter­es­sante Frage:
Bin ich bei mir oder lasse ich mich gerade trei­ben?
Lassen wir uns trei­ben, so rau­schen wir manch­mal im Standby-Modus durch die Welt, unsere Auf­merk­sam­keit landet mal hier mal da, wirk­lich bei uns“ sind wir dann kaum. Acht Stun­den zu medi­tie­ren, ist aller­dings nicht für jeden eine Lösung, denn was sich dann zeigt und ob man damit umge­hen kann, ist von Mensch zu Mensch ver­schie­den.
Vielen fällt es schwer, sich selbst und die eige­nen Gedan­ken zu ertra­gen. Das zeigt auch eine Studie der Uni­ver­sity of Vir­gi­nia. Bei einem Expe­ri­ment beob­ach­te­ten For­scher, dass Teil­neh­mende sich eher einen leich­ten Elek­tro­schock ver­setz­ten, als 15 Minu­ten mit sich allein zu sein. 

Ver­rückt, oder? Wie kommen wir raus aus dem Dilemma? Ich habe einen Blick in die Psy­cho­lo­gie gewor­fen und her­aus­ge­fun­den, wozu das Allein­sein eigent­lich gut ist. 

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3 Impulse, um bei dir anzu­kom­men

1. Hin­hö­ren statt aus­hal­ten

Ein klei­ner Per­spek­tiv­wech­sel gelingt, wenn wir das Wort aus­hal­ten“ durch hin­hö­ren“ erset­zen. Wer hält schon gerne etwas aus? Tat­säch­lich bietet sich im Allein­sein eine Mög­lich­keit, innere Vor­gänge in Gang zu brin­gen und das, was du erlebst, zu ver­ar­bei­ten. Diet­rich Munz, Vor­sit­zen­der der The­ra­peu­ten­kam­mer, sagte in einem Inter­view mit der Welt: Allein­sein dient auch der Rege­ne­ra­tion, man kann Dinge inner­lich klären. In vielen Kul­tu­ren ist Rück­zug ein wich­ti­ger Pro­zess.“ Munz ist der Mei­nung, dass es gesund ist, ab und zu Zeit mit sich selbst zu ver­brin­gen. Psy­cho­lo­gen der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Dres­den haben eben­falls her­aus­ge­fun­den, dass Men­schen, die genü­gend Zeit haben, über sich selbst nach­zu­den­ken, sel­te­ner von phy­si­schen oder psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen berich­ten. Hier ist natür­lich qua­li­ta­tive Zeit mit sich selbst gemeint, keine Iso­la­tion oder Gefühle von Ein­sam­keit, die auch aus ande­ren psy­cho­so­zia­len Umstän­den auf­kom­men können. 

Was also tun, wenn die innere Unruhe so groß wird, dass es kaum aus­zu­hal­ten ist? Ich sage: Hin­hö­ren! Hin­hö­ren bedeu­tet, dass du dir selbst etwas sagen willst. Diese Nach­richt kommt in Form von Gedan­ken, Gefüh­len, Tag­träu­men, intui­ti­ven Ein­sich­ten oder Impul­sen. Und die kommen nicht irgendwo her. Dein Gehirn unter­stützt dich regel­recht dabei!

2. Warum das Nichts­tun Sinn ergibt

Kennst du schon das Default Mode Net­work (DMN)? Das soge­nannte Ruhe­stands­netz­werk beschreibt Regio­nen deinen Gehirns, die dann mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, wenn du an nichts Beson­de­res denkst. Sobald dein Gehirn wirk­lich Ruhe hat, werden diese Berei­che akti­viert. Du kannst das DMN wie einen Basis­zu­stand in deinem Kopf ver­ste­hen, der anspringt, sobald du keiner bestimm­ten Auf­gabe mehr nach­gehst. In diesem Zustand beginnst du zu reflek­tie­ren, über dich selbst und deine Iden­ti­tät nach­zu­den­ken. Ganz schön tief gehende Fragen. Die können einem ja schon bei einer Tasse Tee mit Freun­den nervös machen. Und trotz­dem strebt dein Gehirn danach. Wenn das Gehirn Zeit und Kapa­zi­tä­ten hat, reflek­tiert es über sich selbst, es tau­chen Erin­ne­run­gen auf oder Bewer­tun­gen erleb­ter Situa­tio­nen werden erneut reflek­tiert, Hal­tun­gen und Stand­punkte werden über­prüft und fest­ge­legt. Man ver­mu­tet, dass dieses Gedan­ken-Schwei­fen lassen” wich­tig für die Iden­ti­täts­bil­dung und die Ant­wort auf Fragen wie Wer bin ich?” Was bin ich?” Wie stehe ich zu einer Sache?” ist, d. h., durch diese Beschäf­ti­gung mit sich selbst gelingt es dem Gehirn, ein kon­ti­nu­ier­li­ches Ich auf­recht zu erhal­ten, obwohl man sich eigent­lich stän­dig ver­än­dert“, so steht es im Online Lexi­kon für Psy­cho­lo­gie und Päd­ago­gik.

In Ruhe­pha­sen unter­stützt dich dein Gehirn also dabei, ein­fach du zu sein. Klingt doch gar nicht so beun­ru­hi­gend, oder? Wären da nicht diese klei­nen fiesen Bedürf­nisse, die uns von der Selbst­re­fle­xion ablen­ken wollen. 

3. Nicht alle Gedan­ken sofort ernst nehmen

Ich habe Hunger. Ich will schla­fen. Ich brau­che dies, ich brau­che das. Ich muss noch ein­kau­fen. Ich muss noch meine Oma anru­fen. Was wir nicht alles wollen, wenn wir uns eigent­lich mit uns selbst beschäf­ti­gen wollen. Mein letz­ter Tipp: Nehme nicht alle Gedan­ken zu ernst. Manch­mal ver­steckt sich dahin­ter ein gut getarn­tes Ablen­kungs­ma­nö­ver, damit du dir selbst ja nicht zu nahe kommst. Was davon ist nur ein Lücken­fül­ler“, eine Gewohn­heit? Geh einem Vor­ha­ben nicht sofort nach und schau, was pas­siert. Viel­leicht ver­än­dert es sich schon nach ein paar Atem­zü­gen. Und macht den Kopf frei für viel inter­es­san­tere Sachen als Online­shop­ping.

Oft wird uns weis­ge­macht, dass wir nur genug Zeit für uns selbst brau­chen, um ent­spannt und glück­lich zu sein. Tat­säch­lich aber, ist die Zeit, die wir mit uns selbst ver­brin­gen, auch Arbeit. Wäh­rend unser Gehirn im Leer­lauf“ ist, haben wir die Chance, zu fühlen, was im Alltag auf der Stre­cke geblie­ben ist. Emo­tio­nen, die sich ange­staut haben, können dann ganz schön Druck machen.
Bahnen sie sich ihren Weg zu dir, dann sag vor­sich­tig Hallo. Viel­leicht hast du Glück und sie ant­wor­ten dir. Ein klei­ner Moment der Selbst­er­kennt­nis, ganz so, als wür­dest du dir selbst zuwin­ken. Und das schätze ich mitt­ler­weile mehr, als den Abend mit zwölf Katzen und meinem lyri­schen Ich. 

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Die Pod­cast­folge zum Arti­kel:

Der 7Mind Pod­cast mit René Träder · Respect yours­elf! Über Selbst­to­le­ranz und eine innere Frie­dens­mis­sion
Bild: Kinga Ciche­wicz auf Uns­plash