Warum es keine schlechten Emotionen gibt

Freude ist gut und Angst eher schlecht. So werden oft Emotionen zugeordnet, doch damit geht uns eine große Chance verloren. Wie wir offen allen Emotionen begegnen und aus ihnen lernen erfährst du in diesem Gastartikel von Daniel Rieber.

In unserer Gesellschaft unterscheiden wir zwischen “positiven” und “negativen” Emotionen, sagen Menschen, sie sollen “nicht so emotional” sein und sehen Angst und Unsicherheit als Zeichen der Schwäche. Warum es keine schlechten Emotionen gibt und wie uns unsere “ganzkörperlichen Empfindungen” wie ein innerer Kompass den Weg weisen können, beschreibt Daniel Rieber, Mitgründer des Beratungshauses Wevolve und Podcaster und Autor von “Auf der Suche nach dem Hier + Jetzt”.

Von Daniel Rieber

Positive und negative Emotionen?

Bis vor wenigen Jahren gab es für mich zwei Kategorien an Emotionen: positive und negative. Während ich mein Leben so ausgerichtet hatte, möglichst viele „gute Emotionen“ wie Freude, Lust und Begeisterung zu erleben, bin ich „schlechten Emotionen“ wie Angst, Wut und Trauer aus dem Weg gegangen. Wenn ich wütend wurde, habe ich mich zurückgehalten und mich für meine Emotionen entschuldigt. Bei einem Anflug von Traurigkeit habe ich die Ablenkung gesucht und Situationen, die Angst erzeugt haben, habe ich – soweit es möglich war – vermieden.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, an dem ich erfuhr, dass mein Opa gestorben war. Als der Anruf meiner Mutter kam, war ich gerade in einem Meeting mit meinem Chef. Er bot mir sofort an, mir freizunehmen und mir Zeit zu nehmen zum Trauern. Aber für mich schien es logischer, meinen Job weiterzumachen und mich beschäftigt zu halten. Denn: An seinem Tod konnte ich nichts mehr ändern und das sich langsam anschleichende Gefühl der Traurigkeit fühlte sich schon auf die Distanz unangenehm an. Nachdem ich meine Entscheidung ausgesprochen und mich wieder an den Konferenztisch gesetzt hatte, fühlte ich mich stark und irgendwie erwachsen. Statt „emotional zu werden“, bin ich vernünftig geblieben. So hat es sich für mich an diesem Tag zumindest angefühlt.

Emotionen haben immer eine Daseinsberichtigung

Doch in den vergangenen Jahren durfte ich erfahren, dass Emotionen immer eine Daseinsberechtigung haben und Raum brauchen, um gefühlt zu werden. Jede Emotion hat eine bestimmte Funktion in unserem Leben – unabhängig davon, ob wir diese gleich erkennen oder nicht. So weisen sie uns beispielsweise auf nicht erfüllte Bedürfnisse hin, wollen uns vor Leid zu schützen oder zeigen uns auf, was uns gerade guttun würde. Um mir das selbst immer wieder bewusst zu machen, spreche ich nur noch wertneutral von „angenehmen“ und „unangenehmen“ Emotionen statt von “positiven“ oder “negativen“.

Wenn dir zum Beispiel Sportmachen Freude bereitet, scheint die Bewegung deinem Körper gutzutun, und das angenehme Gefühl motiviert dich, die Tätigkeit zu wiederholen. Wenn du dich zu einer Person besonders hingezogen fühlst und vielleicht sogar ein bisschen Verliebtheit empfindest, entsteht das Bedürfnis, sie kennenzulernen und mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Und genau wie diese angenehmen Emotionen dich dabei unterstützen wollen, ein gutes Leben zu führen, helfen dir unangenehme Emotionen dabei, Missstände wahrzunehmen und Veränderungen herbeizuführen. Wenn du beispielsweise traurig bist, wenn dich eine Person verlässt, hilft dir das Gefühl des Vermissens dabei, festzustellen, wie wichtig dieser Mensch für dein Leben ist. Und wenn du dich jeden Tag unwohl dabei fühlst, ins Büro zu fahren, dann ist das ein ziemlich gutes Indiz dafür, dass du deine Arbeitsweise hinterfragen und vielleicht sogar nach einem neuen Job Ausschau halten solltest.

Verantwortung für die eigene Handlung

Doch auch wenn es nach dieser Denkweise keine guten und schlechten Emotionen gibt, liegt es natürlich in deiner Verantwortung, welche Handlungen du aus ihnen ableitest. Denn wie die Psychologin Dr. Charlotte Auer in einer Folge meines Podcasts mal so schön gesagt hat: „Emotionen sind ganzkörperliche Empfindungen, die uns in motivdienliche Handlungsbereitschaft versetzen.“ Wir sollten Emotionen also niemals mit den daraus abgeleiteten Taten gleichsetzen.

Emotionen „Raum zu geben“, bedeutet nicht, ihnen unreflektiert nachzugehen – sondern genau das Gegenteil. So kann es zum Beispiel bedeuten, dass man in einem besonders emotionalen Moment keine wichtige Entscheidung trifft, sondern sich erst mal Zeit schenkt, um die Emotionen wahrzunehmen und einzuordnen. Es kann auch heißen, dass man in  einer aufgeheizten Diskussion oder einem Streit um eine Gesprächspause bittet, einmal durchatmet und wahrnimmt, in welcher Dynamik man sich gerade befindet.

Die Verbindung zu uns selbst

Genauso wie ich lernen durfte, dass Emotionen immer eine positive Intention haben, durfte ich auch auf meinem Weg erfahren, dass es nicht möglich ist, nur angenehme Emotionen zu empfinden und die unangenehmen abzuschalten. Denn wenn wir uns von unserer emotionalen Welt entkoppeln, stumpfen wir für das gesamte Spektrum an Empfindungen ab. Wir fühlen schlichtweg weniger. Oder wie es der Autor und Embodiment Coach Mark Walsh so schön gesagt hat: „Wir stumpfen ab, um keine Schmerzen zu spüren. Dadurch können wir aber auch keine wahre Freude mehr wahrnehmen und letztendlich verlieren wir die Verbindung zu unserem internen, ethischen Kompass.“

Je mehr Raum du deinen Emotionen gibst, desto mehr wirst du Expert*in für dich selbst. Du lernst alle Farben des bunten Fächers kennen und entwickelst eine immer feinere Wahrnehmung. So kannst du Emotionen schon subtil wahrnehmen, wenn sie gerade entstehen, und in die Handlung kommen, bevor sie intensiv und einnehmend werden.

Worauf uns Emotionen hinweisen können

Doch auch wenn Emotionen immer eine Daseinsberechtigung haben, heißt das nicht automatisch, dass sie etwas mit der jeweiligen Situation zu tun haben müssen. In dem Moment, in dem Emotionen besonders intensiv sind und unverhältnismäßig wirken, ist das ein guter Hinweis darauf, dass mehr dahinterstecken könnte. So kann dich eine Situation beispielsweise an vergangene Erlebnisse erinnern oder ein Mensch Ähnlichkeiten zu einer Person aus deiner Vergangenheit aufweisen. Hierbei spielen vor allem frühkindliche Erfahrungen eine wichtige Rolle, da wir in den ersten

Jahren unserer Entwicklung für unser ganzes Leben geprägt werden. Eine Haltung der Neugier kann dabei helfen, die jeweilige Emotion von der aktuellen Situation zu trennen und herauszufinden, welche größere Geschichte sich dahinter verbirgt.

Wenn du mehr über deine Emotionen lernen möchtest, kann es helfen, ein Tagebuch zu führen. So kannst du dir zum Beispiel jeden Abend vor dem Schlafengehen einen Moment Zeit nehmen und notieren, welche Emotionen an dem Tag präsent waren. Wenn du magst, kannst du auch die jeweilige Situation und den Auslöser festhalten. Eine fortgeschrittene Variante ist es, zusätzlich zu reflektieren, welches Bedürfnis hinter der Emotion stehen könnte und ob die Intensität mit etwas Abstand betrachtet der Situation angemessen war. Ein Beispiel: In einem Meeting bin ich wütend geworden, nachdem niemand auf meinen Vorschlag reagiert hat. Hier wurden meine Bedürfnisse, gehört und ernst genommen zu werden, nicht erfüllt. Über die Zeit lernst du so mehr über deine Emotionen, deren Auslöser sowie deine Bedürfnisse. Du wirst in der Lage sein, wiederkehrende Muster zu erkennen, was dir dabei hilft, Lösungen zu entwickeln und deine Verhaltensweisen in der jeweiligen Situation zu regulieren.

Dein innerer Kompass

In meinem Buch “Auf die Suche nach dem Hier + Jetzt” beschreibe ich meinen eigenen Weg in ein Leben mit mehr Achtsamkeit. Hierbei spielen Emotionen und die Verbindung zum eigenen Körper eine wichtige Rolle. Denn sie können uns wie ein “innerer Kompass” auf unserem Weg unterstützen. Emotionen geben dir zwar keine direkten Antworten auf die Fragen des Lebens, aber sie weisen immer in eine Richtung. Doch nur wenn du dich auf den Weg machst und den Impulsen folgst, kannst du mehr über dich selbst erfahren. Und nur wenn du die Verantwortung für deine Emotionen übernimmst, kannst du wirklich selbstbestimmt leben und dein Handeln an deinen Werten ausrichten.

„Das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen. Was auch immer sich in uns offenbart, es ist das Leben, das sich darin zeigt, und es ist immer ein Geschenk, sich mit ihm zu verbinden.“ (Marshall Rosenberg, Psychologe und Autor)


Über den Gastautor: Als Berater, Speaker und Coach unterstützt Daniel Rieber Führungskräfte und Unternehmen dabei, die Herausforderungen in Zeiten von Veränderung zu meistern und ihr eigentliches Potenzial zu verwirklichen. Daniel ist Mitgründer von Wevolve, einer Beratung für Führung und Kulturwandel, das Unternehmen wie Mercedes-Benz, Zalando oder eBay dabei unterstützt, zu Orten zu werden, an denen sich Menschen als ganze Menschen begegnen und an denen sie gemeinsam wachsen können. Der Wahlberliner kann auf über 14 Jahre Erfahrung in der digitalen Branche zurückblicken, in denen er als Mitarbeiter, Führungskraft und Mitgründer die Herausforderungen einer immer schneller werdenden Welt hautnah miterleben durfte. In seinem Podcast “Auf der Suche nach dem Hier + Jetzt” teilt Daniel auf Spotify & Co seine eigenen Erfahrungen und tauscht sich mit inspirierenden Menschen aus. Im März 2023 erscheint sein gleichnamiges Buch beim metropolitan Verlag.

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