Warum Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit

“Hauptsache gesund!” – ist das wirklich so? Wieso wir aufhören sollten, Gesundheit zu glorifizieren und warum der Fokus aufs Leben hilfreicher ist, liest du im Artikel unseres Gastautors Leonard Gabriel Heygster.

von Leonard Gabriel Heygster

„Hauptsache gesund!“ – diesen Satz hast du sicher schon mal gehört, oder? Vielleicht hast du ihn auch selbst verwendet? Dann solltest du weiterlesen. Warum – der Grund ist einfach: weil der Satz falsch ist. Weil er krank macht. Weil er weg lenkt von dem, was wirklich wichtig ist.

Ein Gedankenspiel: Stell dir vor, es ist Silvester und eine Person ruft aus voller Inbrunst in die Nacht: „Hauptsache gesund!“ Was sie in diesem Moment aber vielleicht nicht weiß: Neben ihr steht ein Mensch mit einer chronischen Krankheit. Vielleicht wird dieser Mensch niemals im medizinischen Sinne gesund sein können. Wie wird sich diese Person wohl fühlen, wenn sie einen solchen Ausruf hört?

Der Satz „Hauptsache gesund“ ist weder förderlich für die Gesundheit, geschweige denn ist er inhaltlich richtig. Vielmehr sollte es heißen: „Hauptsache leben!“ Weshalb der Fokus aufs Leben viel hilfreicher ist als der Fokus auf die Gesundheit, liest du in den nächsten Abschnitten.

„Ohne Befund“ – das Kabarett

Wir sollten über den Gesundheitsbegriff sprechen. Über das, was wir unter ihm verstehen. Darüber, dass uns er oft auf eine falsche Fährte lockt. Aber fangen wir vorne an.

Woran hast Du gedacht, als du im ersten Satz das Wort „Gesundheit“ gelesen hast? An körperliche Gesundheit? Oder an mentale Gesundheit? Vielleicht ganz nach dem Hashtag #mentalhealthmatters? Ja, mentale Gesundheit ist wichtig. Körperliche Gesundheit natürlich auch. Das Thema ist aber komplexer, denn Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit und wer bei dem Wort Gesundheit lediglich als körperliche oder mentale Gesundheit denkt, denkt zu kurz.

Die 84-jährige Gesundheitswissenschaftlerin und Soziologin Prof. Dr. Annelie Keil bringt es im humansarehappy Podcast auf den Punkt. Gesundheit als „Abwesenheit von Krankheit“ zu bezeichnen ist für sie lediglich eine Kabarettnummer. Wahre Gesundheit aber bedeute viel mehr, als schlicht „ohne Befund“ zu sein.

Gesundheit als Statussymbol

Wir glorifizieren Gesundheit. Oft wird ein gesunder Körper als die Voraussetzung für ein gelingendes Leben angesehen. Als Statussymbol, das man sich erarbeiten kann. Wenn man joggen geht und Yoga macht. Wenn man gesund isst. Und, na klar, wenn man auf seinen Schlaf achtet.

Selbstverständlich haben wir als gesundheitsfixierte Menschen schon lange verstanden, dass Gesundheit nicht beim Körper aufhört. Mental Health ist das Stichwort. Wir meditieren – selbstverständlich. Wir achten selbstredend auf unsere „Work Life Balance". Und das tragen wir auch gerne nach außen. Auf Social Media vor allem. Aber auch im Privaten. Gesundheit als eine Art Lifestyle. Frei nach dem Motto: Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

Was wir dabei oft ignorieren, ist die Tatsache, dass ganzheitliche Gesundheit ein komplexes Zusammenspiel darstellt aus körperlichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden. Und vor allem, dass ohne Gesundheit nicht alles nichts ist.

Wenn der Fokus auf Gesundheit krank macht

Wer gesund ist, gilt als selbstverantwortlich und leistungsfähig. In der Folge setzen sich viele Menschen unter Druck, um den vermeintlichen Erwartungen im Innen und Außen gerecht zu werden. Krankheiten werden dabei häufig tabuisiert und Betroffene werden stigmatisiert.

Prof. Dr. Annelie Keil spricht gar vom „Terror der Gesundheit“, der eine sozial-politische Entwicklung zeige, die sie als sehr gefährlich einstuft: Gesundheit sei wichtiger als Leben.

Für Prof. Keil ist die Fokussierung auf Gesundheit, unter der Prämisse, dass gesund zu sein schlicht bedeute, "ohne Befund" zu sein, ein großer Fehler. Denn Wohlbefinden bedeute weit mehr als körperlich oder geistig "ohne Befund" zu sein.

Im humansarehappy Podcast erklärt sie, dass Wohlbefinden aus einer Art der Lebenskunst entspringt, aus einer Haltung gegenüber dem Leben: “Wir müssen mit dem, was da ist, und was uns (…) gegenübertritt, umgehen.“

Um mit dem, was da ist, umzugehen, müssen wir es im ersten Schritt allerdings erst einmal erkennen. Allerdings stehe der starke Fokus auf die Gesundheit hierbei oft im Weg, führt die Professorin aus:

„Wie befinde ich mich, wenn ich traurig oder wütend bin? Das wissen viele nicht. Das Einzige, worauf die Medizin eingegangen ist, sind Befindlichkeitsstörungen. Und die erkennen viele gar nicht, weil sie nicht wissen, was Befinden ist."

Ganzheit durch Integration

Den Fokus rein auf Gesundheit zu richten ist also zu kurz gedacht. Ein sinnvolleres Ziel kann es sein, die Dinge, die wir nicht ändern können, in das eigene Leben zu integrieren. So lässt sich eine Art der Ganzheit erreichen, die unabhängig ist von Gesundheit oder der “Abwesenheit von Krankheit”. Allerdings sei Ganzheit aber nie von vornherein da. Sie müsse durch Integration gebildet werden, erinnert die 84-jährige Professorin.

"Ich habe sehr gerungen, freundlich mit meiner Arthrose zu werden. Freundlich zu werden mit den Brustkrebsoperationen. Freundlich zu werden mit meinem Darmtumor. Das ist ein Kampf!"

Ausgerechnet im hohen Alter Arthrose in der rechten Hand haben, nicht schreiben und nicht Auto fahren zu können, das sei ihr sehr schwer gefallen zu akzeptieren. Und doch führt kein Weg an der Akzeptanz vorbei. Es geht um immer wieder neue Verhandlungen mit dem Leben. Sie fasst zusammen: „Das Leben ist verletzlich, endlich, und unverfügbar.“

"Die Freundlichkeit mit sich selbst hat zutiefst die Unvermeidbarkeit des Lebens, das Akzeptieren.“

Bausteine eines gelingenden Lebens

Was ist, wenn der Zustand der Gesundheit für eine Person unerreichbar ist? Für viele Menschen, vor allem für Menschen mit chronischen Erkrankungen, ist das Realität.

Sätze wie „Ohne Gesundheit ist alles nichts“ sprechen vielen Menschen von vornherein ab, jemals ein gelingendes Leben führen zu können. Gesundheit als höchstes Gut zu betiteln kann daher selbst bei der besten Absicht Menschen verletzen und innere Wunden aufreißen.

Die Social Media Beraterin & Content Creatorin Kathi Engeroff spricht im humansarehappy Podcast offen über ihre chronische Darmerkrankung. Gesundheit beschreibt sie dabei als einen wichtigen Baustein für ein gelingendes Leben, aber eben auch nur als einen Baustein:

„Wenn die Gesundheit Basis für alles wäre, dann wäre ich ja ganz schön aufgeschmissen.“

Aber Kathi Engeroff ist nicht aufgeschmissen. Ebenso wenig du oder ich. Was hilft, sind immer fortwährende Verhandlungen mit dem Leben. Es gilt, die Dinge zu akzeptieren oder sie zu integrieren. Oder wie Prof. Dr. Annelie Keil sagt: Wir müssen mit dem umgehen, was uns im Leben gegenübertritt. Die Annahme, dass ohne Gesundheit alles nichts sei, hilft allerdings nicht weiter.

3 Tipps für einen achtsamen Umgang mit Gesundheit im Alltag

  1. Sei achtsam mit dir selbst. Durch die Praxis der Achtsamkeit können wir lernen, auf die Bedürfnisse unseres Körpers zu achten und uns bewusster zu sein, wie wir uns befinden. Achtsamkeit kann uns auch helfen, gesundheitliche Umstände, die wir nicht ändern können, anzunehmen und sie so durch Akzeptanz in unser Leben zu integrieren. Mit regelmäßigen Atemübungen oder kurzen Meditationen können wir schon viel erreichen.

  2. Sei empathisch. Wir wissen nie, mit was Menschen, denen wir begegnen, umgehen müssen. Sätze wie „Hauptsache gesund“ oder „Ohne Gesundheit ist alles nichts“ können nicht nur in einem selbst enormen Druck erzeugen. Sie können anderen - ohne Absicht - im wahrsten Sinne des Wortes wehtun.

  3. Sei weich mit dir selbst. Es gibt immer wieder Phasen, in denen Dinge nicht so gelingen, wie wir es uns wünschen. Oft machen wir uns dann Druck, unserem eigenen Idealbild zu entsprechen zu müssen. Wenn wir es aber schaffen, uns selbst zum eigenen Beobachtungssubjekt zu machen und mit einem liebevollen Blick auch vermeintliches Scheitern annehmen, dann gehen viele Dinge am Ende viel leichter.


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Über den Gastautor: Im humansarehappy Podcast spricht Leonard Gabriel Heygster alle zwei Wochen mit Menschen aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft oder Gesellschaft zu den Themen Wohlbefinden, Zufriedenheit und Glück.

Foto: Laker auf Pexels

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