Car­lotta Koroll

Klar­träu­men – Was ist das eigent­lich?

Was wür­dest du tun, wenn es keine Gren­zen gäbe, wenn du dir deine Welt für eine Zeit aus­su­chen könn­test? Ein mal um die Erde flie­gen? Der Chefin die Mei­nung geigen? Oder doch lieber Gedan­ken lesen können? Ich mach mir die Welt wid­de­widde wie sie mir gefällt!“ Das sagte schon Pippi Lang­strumpf und einige Men­schen gehen genau diesem Leit­spruch nach – zumin­dest in der Nacht. Hier ist nicht von abso­lu­ter Anar­chie die Rede, son­dern von Klar­träu­men oder auch luzi­dem Träu­men – aus dem latei­ni­schen lux“, was so viel wie Licht bedeu­tet.

In einem Klar­t­raum bist du dir bewusst dar­über, das du träumst. Anstatt aber auf­zu­wa­chen, bleibst du im Traum, kannst bewusst Ent­schei­dun­gen tref­fen und den Traum nach deiner Fa­çon ver­än­dern. Klingt ziem­lich span­nend, oder? In diesem Arti­kel gehen wir dem Phä­no­men genauer auf die Spur. Was pas­siert in unse­rem Kopf, wenn wir unsere Träume beein­flus­sen? Und können wir bei uns selbst einen sol­chen Traum her­vor­ru­fen?

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Klar­träu­men: Was pas­siert im Gehirn?

Ein luzi­der Traum ist so etwas wie eine Schnitt­stelle zwi­schen Traum und Rea­li­tät. Umso span­nen­der, was in diesem Zustand zwi­schen Bewusst­sein und Schlaf in unse­rem Körper pas­siert.

Werfen wir dafür erst Mal einen Blick auf unser Gehirn im Wach­zu­stand. Dabei kann man zwi­schen der phä­no­me­na­len Wahr­neh­mungs­welt und der phy­si­schen Umwelt unter­schei­den. Erstes beschreibt, wie wir aus sinn­li­cher Sicht, also aus der Per­spek­tive unse­res Kör­pers heraus, die Umwelt wahr­neh­men: Du spürst, wie du auf einem Stuhl sitzt. Die phy­si­sche Umwelt hin­ge­gen ist das, was unser Kopf aus diver­sen Sin­nes­ein­drü­cken ver­ar­bei­tet, also der Raum, den du siehst, wenn du dich gerade umguckst. Klingt erst mal nach ein und der selben Sache? Das liegt daran, dass die zwei Wahr­neh­mun­gen für uns fast immer über­ein­stim­men. Außer eben im Traum. Denn dort bildet sich die phy­si­sche Umwelt aus unse­ren Traum­bil­dern, wäh­rend wir sen­so­risch immer noch im Bett liegen und schla­fen. Der Unter­schied im Klar­t­raum ist also, dass wir uns dieser Dis­kre­panz bewusst sind. Unser Traum-Ich ist sich unse­res Schlaf-Ichs sozu­sa­gen bewusst.

So wie wir im Wach­zu­stand durch moto­ri­sche Bewe­gun­gen in die phy­si­sche Welt ein­grei­fen können, können wir im Klar­t­raum Ver­än­de­run­gen in unse­rer inne­ren, phä­no­me­na­len Welt vor­neh­men.

Aber nun zurück zum Gehirn. Wie kommt es hier zu einem Klar­t­raum? Das Max Planck Insti­tut für Psych­ia­trie und Kogni­ti­ons- und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten wies gemein­sam mit der Ber­li­ner Cha­rité 2012 wäh­rend eines luzi­den Traums die Akti­vie­rung von ver­schie­de­nen Berei­chen im Gehirn nach. Im Gegen­satz zum nor­ma­len Traum ist wäh­rend eines Klar­t­raums die Akti­vi­tät im rech­ten dor­so­la­te­ra­len prä­fron­ta­len Kortex, in fron­to­po­la­ren Regio­nen und dem Pre­cu­n­eus erhöht: alles Hirn­areale, die in Zusam­men­hang mit Selbst­ein­schät­zung, Selbst­wahr­neh­mung und der Bewer­tung der eige­nen Gedan­ken und Gefühle stehen. Was Sinn ergibt – immer­hin ist genau diese Refle­xi­ons­fä­hig­keit das, was einen Klar­t­raum aus­macht.

Auch wenn luzide Träume in ver­schie­de­nen Schlaf­pha­sen auf­tre­ten, lassen sich Klar­träume am besten im REM-Zustand (Rapid Eye Move­ment – die Phase, in der die meis­ten Träume auf­tre­ten) messen. In dieser Phase ist die gesamte Mus­ku­la­tur des Schla­fen­den kom­plett ent­spannt – abge­se­hen von den Augen. Durch diese kann er den For­schen­den signa­li­sie­ren, dass er einen Klar­t­raum erlebt.

Klar­träu­men lernen – geht das?

Die Fähig­keit, einen Klar­t­raum zu erle­ben hat jeder Mensch, ver­mu­tet die Wis­sen­schaft. Eine Schritt für Schritt Anlei­tung, die auf Anhieb funk­tio­niert, gibt es trotz­dem nicht. Dafür wurden Erkennt­nisse über Klar­träu­mer und Tech­ni­ken, die helfen, einen Klar­t­raum aus­zu­lö­sen, her­aus­ge­fun­den.

Was Klar­träu­mer aus­macht

So wurde in einer Studie vom Zen­tral­in­sti­tut für See­li­sche Gesund­heit Mann­heim mit fast 2500 Per­so­nen ein Expe­ri­ment zu Cha­rak­ter­zü­gen von Klar­träu­mern gemacht. Heraus kamen Ten­den­zen, wie Offen­heit für Neues, Krea­ti­vi­tät und Schwä­che für emo­tio­nale und men­tale Mani­pu­la­tion, die Klar­träu­mer teil­weise zeig­ten. Aller­dings reich­ten diese Ergeb­nisse nicht aus, um bestimmte Per­sön­lich­keits­züge dafür ver­ant­wort­lich zu machen, welche Men­schen eher luzide träu­men.

Ein­deu­tig hin­ge­gen ist, dass Kinder viel häu­fi­ger Klar­träume erle­ben: Jedes zweite Kind zwi­schen sechs und 14 Jahren träumt gele­gent­lich luzide. Mit dem Älter­wer­den treten die Träume immer sel­te­ner auf. Ver­mut­lich, da das Gehirn in der Kind­heit noch aus­reift.

Die effek­tivs­ten Metho­den

Nichts­des­to­trotz können auch Erwach­sene mit ein paar Tech­ni­ken dem Klar­träu­men näher kommen. Nach dem Psy­cho­lo­gen Martin Dres­ler hilft es schon, sich bewusst mit seinen Träu­men aus­ein­an­der zu setzen – zum Bei­spiel durch das Führen eines Traum­ta­ge­buchs.

Aber auch das regel­mä­ßige Visua­li­sie­ren von luzi­den Träu­men kann unter­stüt­zen. Sprich: Du rufst dir vor dem geis­ti­gen Auge hervor, dass du klar­träumst – Wie fühlt es sich an? Genauso mor­gens auf­zu­ste­hen und sich nach einer Stunde noch mal hin­zu­le­gen. Und durch soge­nannte Rea­li­tät­schecks, die man immer wieder im Alltag vor­nimmt, kann man sich ange­wöh­nen, auch im Traum einen Test zu machen um irgend­wann zu rea­li­sie­ren, dass man träumt. Das kann das Knei­fen in den Arm sein – denn das würde man im Traum nicht spüren.

Acht­sam­keit hilft beim Klar­träu­men

Nicht nur das Bewusst­sein über den Traum, son­dern auch die Fähig­keit, den Traum zu steu­ern, macht die Erfah­rung aus. In einer Studie kam heraus, dass bei zwei Grup­pen von Men­schen diese Kon­troll­fä­hig­keit häu­fi­ger auf­tritt: Die­je­ni­gen, die beson­ders häufig klar­träu­men und die­je­ni­gen, die beson­ders acht­sam sind. Ein Grund dafür könnte sein, dass acht­same Men­schen, ihre Auf­merk­sam­keit besser steu­ern können und sich diese Fähig­keit auch im Traum zeigt.

In einer ande­ren Studie stellte man außer­dem ein Zusam­men­hang zwi­schen Medi­ta­tion und der Häu­fig­keit von Klar­träu­men dar: Men­schen, die lang­fris­tig medi­tier­ten, zeig­ten eine erhöhte Fre­quenz von Klar­träu­men auf. 

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Im Schlaf zum Profi werden

Über die Stadt flie­gen, die Welt retten, ein Gespräch mit dem Idol – Die Mög­lich­kei­ten beim Klar­träu­men sind wort­wört­lich unend­lich. Aber ist es neben Spaß und Aben­teuer auch mög­lich, den Traum zum Lernen von Fähig­kei­ten zu nutzen?

Der Sport­wis­sen­schaft­ler und Traum­for­scher Daniel Erla­cher ließ 2005 in einem Expe­ri­ment Klar­träu­mer im Traum Sport­übun­gen machen. Wäh­rend­des­sen erhöhte sich tat­säch­lich ihre Atem­fre­quenz, also hatte der Traum nicht nur psy­chi­sche, son­dern auch phy­si­sche Aus­wir­kun­gen.

Aber bedeu­tet dieses Ergeb­nis, dass wir einen moto­ri­schen Lern­ef­fekt erzeu­gen können? In einem wei­te­ren Expe­ri­ment im Jahr 2015 soll­ten Pro­ban­den eine bestimmte Tas­ten­ab­folge lernen. Ein Vier­tel der Gruppe übte diese im Wach­zu­stand, ein ande­rer Teil visua­li­sierte das Üben gedank­lich, die dritte Gruppe übte im Klar­t­raum und dane­ben gab es eine Kon­troll­gruppe, die nichts tat. Das Ergeb­nis war sehr posi­tiv: Das Üben im Traum ver­bes­serte die Fähig­kei­ten genauso wie das Üben im Wach­zu­stand. Aber: Die Stich­probe des Expe­ri­men­tes war sehr klein, wes­we­gen dieses Expe­ri­ment nicht allzu reprä­sen­ta­tiv ist.

In einer wei­te­ren Studie ließ Erla­cher die Pro­ban­den das Münz-Werfen trai­nie­ren. Hier übte ein Drit­tel nicht, ein Drit­tel im Traum und die letzte Gruppe stand nachts auf, um zu trai­nie­ren. Hier war das Ergeb­nis etwas neu­tra­ler: Die­je­ni­gen, die im Klar­t­raum übten, zeig­ten zwar grö­ße­ren Fort­schritt als die Kon­troll­gruppe, jedoch weni­ger als die Gruppe, die im Wach­zu­stand trai­nierte.

Was wir aus diesen Erkennt­nis­sen ziehen können? Unser Kopf ist ver­rück­ter und zu mehr fähig, als wir dach­ten. Wir können unsere Träume zur Rea­li­tät machen – zumin­dest für eine kurze Zeit. Was aller­dings nicht heißt, dass wir das tun soll­ten. Zwar sind bisher keine Risi­ken bekannt, aber wir soll­ten luzi­des Träu­men behut­sam und mit Respekt ange­hen. Denn so rich­tig wissen auch Psy­cho­lo­gen nicht, was in unse­rer Psyche pas­siert, wenn wir in unsere Träume ein­grei­fen. Und irgendwo ist es doch auch schön, wenn wir zumin­dest nachts ganz los­las­sen können und auf­hö­ren, alles kon­trol­lie­ren zu wollen.


Die Pod­cast­folge zum Impuls der Woche:


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Bild: Dallas Reedy auf Uns­plash